Mein persönliches Abenteuer finden

Schritt für Schritt schraube ich mich zu Fuß aus dem Albtal im Südschwarzwald hoch auf den Höchenschwander Berg. Ich schwitze, der 13 Kilo schwere Rucksack sitzt fest in der Hüfte, das Vogelgezwitscher im aufblühenden Mischwald treibt mich in eine Stimmung freudiger Erregung. Aufbruch im Mai mit Sonnenschein, Gewitter und kühlen Nächten – ganz allein – noch ist Körper und Geist frisch und unverbraucht. 2,5 Tage Outdoor-Erlebnis und mehr als 40 km liegen vor mir. Natürlich bleibt bei so einer Reise vieles Ungewiss, das ist ja der Reiz der Sache, aber die Navigations-App Komoot hilft mir auf dem Weg zu bleiben und die Übernachtungsplätze sind dank One-Night-Camps auch gebucht. 

 
Von Jens Grosskreuz

One-Night-Camp im Schwarzwald im Camp Benedikt (MyCabin)

One-Night-Camp im Schwarzwald im Camp Benedikt (MyCabin) – © Schwarzwald Tourismus GmbH/Jens Grosskreuz

Container

Wie man es auch nennen mag: Pilgern, Trekking, Genusswandern, es ist ein bisschen was von allem. Ich starte dort, wo ursprünglich so vieles seinen Ursprung nahm für den Schwarzwald – am Kloster St. Blasien. Ich will mein persönliches Abenteuer finden. Der sogenannte „Schwarzwalddom“ zählt zu den größten Kirchenkuppeln Europas! Unterm Dom im Sonnenschein fühle ich mich klein und groß zugleich. Ich starte zunächst auf der ehrwürdigen Klosterroute. Über Jahrhunderte herrschten zwischen dem Benediktinerkloster St. Blasien, der Waldstadt Waldshut am Hochrhein und zur benachbarten Schweiz enge Beziehungen. Zwischen Kloster und Hochrhein entstand der Klosterweg, auf dem Mönche und Kaufleute häufig von St. Blasien zu den beiden Propsteien in Gurtweil und Klingnau unterwegs waren.

Weit und breit kein Mensch in Sicht. Ich überquere den Albsee auf einer neuen Holzbrücke, vorbei an der Schmelze (ehemalig Silber/Eisenschmelze) hinauf zur Albtalschanze. Das Badener-Lied schmetternd erreiche ich den Felsvorsprung. Den Fernblick genieße ich auf einer Himmelsliege. Nach kurzer Rast begebe ich mich auf den Schinkenweg auf etwa 1000 Höhenmetern. Da ich vor lauter Euphorie trotz verheißungsvollen Wegnamens immer noch keinen Hunger verspüre, beschließe ich bis nach Tiefenhäusern weiterzulaufen. Dort zieht es mich in den historischen Landgasthof Rössle. Eine wahre Perle zum Einkehren. Mit Leidenschaft saniert und bewusst in der Tradition eines Gasthauses im 19. Jahrhundert belassen. Die Wandmalereien und ein sagenhaft guter Wurstsalat mit Bauernbrot bezeichne ich als Seelenfutter. Nach einem Espresso führt mein Weg mich vorbei an Hühnerfarmen und kleinen Kapellen. Saftig grüne Wiesen wohin das Auge reicht, aber hoppla, eine kalte Brise kommt auf. Im Westen braut sich was zusammen! Bitte nicht, denke ich und laufe schnellen Schrittes weiter. Trotz Gewitterwolken genieße ich herrliche Aussicht auf die Schweizer Alpen, den Schwarzwald, den Hotzenwald und die Rheinebene. Es tröpfelt. Ich weiß, dass es nicht mehr allzu weit ist bis zu meiner nächsten Station: Kellers Straußenfarm in Außer-Ay. Es donnert und ein wenig mulmig wird mir schon. Mittlerweile habe ich meinen Alu-Poncho übergestülpt. Schließlich erreiche ich doch ziemlich feucht den Keller-Hof. Dort gibt es eine Selbstbedienungshütte, in der ich mich unterstellen darf. Es hagelt Katzen, sagt man bei uns so schön. Den Galloway-Rindern, Straußen, Ziegen und Schweinen scheint der Regen nichts auszumachen. Ich bin froh, ein Dach über dem Kopf zu haben und fühle mich lustigerweise wie eine Made im Speck. Der Kühlschrank ist bis obenhin vollgestopft mit feinen Wurstwaren und Straußen-Steaks. Frisches Bauernbrot, Honig, Schnaps sowie diverse Getränke werden zu fairen Preisen feilgeboten – alles auf Vertrauensbasis. Ich gönne mir eine Rothaus-Zäpfle und warte bis der Regen nachlässt. Fürs Abendessen entnehme ich dem Stand ein großes Straußensteak, drei Eier und Brot.

Ich plaudere mit dem Landwirt Siegfried Keller über Fleischpreise, Schwarzwaldidylle und die Einzigartigkeit seiner Straußenfarm im Südwesten (www.kellers-hofladen.de). Er bietet mir an, mich zum Zeltplatz zu fahren, aber ich lehne dankbar ab. Ich bete zum heiligen St. Blasius, dass ich vom Regen verschont bleibe. Ein Zelt im Regen aufzubauen gehört nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Am Himmel macht sich ein Regenbogen breit und ich ziehe mit einem Grinsen im Gesicht weiter. Ab ins erste One-Night-Camp Benedikt bei Schmitzingen. Die Streuobstwiese liegt am Waldrand und ist Idylle pur. Ich bin froh endlich anzukommen, als erstes wird das Zelt aufgebaut. Zu meiner Überraschung haben sich zwei Eier im Rucksack verflüssigt – eine schöne Sauerei. Immerhin bleibt das Wetter stabil und Dankbarkeit macht sich sehr breit. Entzückt entdecke ich einen 5L-Frischwasserkanister und Anfeuerholz. Auch die Wiese ist nicht kniehoch, sondern frisch gemäht für mein Zeltlein. Ohne Rucksack, auf leichtem Fuß, setz ich mich auf die Bank an der Hütte am Waldrand, lausche den Zirpen und sauge das Lichtspiel der goldenen Stunde auf. Das Steak brutzelt bald auf dem mitgebrachten Grill-Rost. Selten habe ich ein derart rustikales Steak so genossen – absolute Empfehlung. Meine Abendtoilette kann ich im 300 Meter entfernten Vogelhüsle-Seminarhaus verrichten und klettere bei Vollmond ins Zelt. Nachts um drei Uhr etwa merke ich wie ein schnaubendes Tier am Zelt vorbeihuscht – aber so muss das sein! Das werde ich meinem vierjährigen Sohn erzählen.

Am nächsten Morgen marschiere ich über hügelige Ackerflächen, besser bekannt als „Hungerberg“. Meist geht es bergab und die Knie schmerzen, die Gerüche von frischem Bärlauch und Tannenduft begleiten mich die meiste Zeit – morgens zu wandern ist Sinnesgenuss pur.

In der schönen Gurtweiler-Pfarrkirche zünde ich vier Kerzen an und verlasse mit „Gwens“ Hilfe (so taufe ich die lieblich-sanfte Navigationsstimme von Komoot) den Klosterweg, passiere den Fluss „Schlücht“ und ackere mich ohne Frühstück durch bis nach Tiengen. Eine echte Kleinstadtperle. In der historischen Altstadt genieße ich einen Cappuccino und beobachte in Seelenruhe das Treiben. Der Wettergott meint es wieder gut mit mir. Ich freue mich darauf anschließend über die hölzerne Wutachbrücke zu gehen. Es wird richtig warm und die Navigation führt mich durch herrlichen Laubwald bis nach Kadelburg. Etwas erschöpft packe ich meine Kopfhörer aus und motiviere mich damit. Jetzt schweifen meine Gedanken ab, sodass ich prompt am Kamm zu Kadelburg in die entgegengesetzte Richtung wandere. Unten in Lauchringen angekommen vermisse ich den Rhein. Ein Bauer lacht und meint, dass der einzige Weg, derselbe sei wie der von dem ich komme. Ich verfluche mich zum ersten Mal und der Hunger kommt langsam aber sicher durch. Schließlich erreiche ich die Himmelsliege, die ich schon vor einer Stunde erreichen wollte und breite mich aus. Schuhe aus, Zelt zum Trocknen in die Sonne und dank „Waldgourmet-Eintopf“ auf dem Kocher gibt’s ein Sonnenbad mit Mittagsimbiss.

Gestärkt lande ich am Hochrhein – Klamotten runter, rein, super Erfrischung! Achtung Strömung! Entlang des reißenden Flusses laufe ich parallel zur Schweiz nach Rheinheim. Großer Bierdurst überkommt mich und unverhofft stehe ich vor dem herrlichen Biergarten namens „Der Engel“. Beim Bier telefoniere ich mit Frau Teufel, meiner Gastgeberin für heute Nacht. Sie freut sich auf mich! Wie schön.

In der Abendsonne quatsch ich mit Sonja Teufel über Ihren Bioland/Naturland-Hof, Ihre Liebe zur Landwirtschaft und die Motivation Gastgeberin der One-Night-Camps zu sein: „Ich mag den Austausch mit den Leuten, wir haben ja genug Platz, und zwischen Hühnern, Eseln, Kühen und Schafen zu Zelten ist ja auch mal was Schönes.“ Wir lachen, scherzen und reden Alemannisch. Ich lass den Tag bei einem Glas Wein und zwei Rindsbratwürsten vom Hofladen ausklingen. Meine Reise endet hier. Ich habe mal für kurze Zeit meinen rund 13 Kilo schweren Sohn und viel Familientrubel eingetauscht gegen Rucksack und Einsamkeit. Legal in der Wildnis oder beim Hofbauern campieren, verbunden mit einer schönen Schwarzwaldtour. So ein Abenteuer habe ich gesucht und gefunden. Für meinen Geschmack ist diese Art des Reisens eine Rückkehr zum Ursprung. Von da aus geht dann alles wieder gut seinen Weg.

One-Night-Camp im Schwarzwald

Packliste

Was man alles benötigt:

·       Leichtzelt

·       Isomatte

·       Schlafsack

·       Campingkocher

·       Campinggeschirr

·       Messer/Gabel

·       Salz

·       Trinkflasche

·       Emaille-Tasse

·       Klopapier

·       Müllsäcke

·       (Grillrost)

·       (Anzündwolle)

·         Wanderschuhe

·         Hemd

·         1 x lange Hose

·         1 x kurze Hose

·         1 x Pullover

·         2x T-Shirt

·         2x Socken

·         2x Unterwäsche

·         lange Unterhosen

·         Jacke (kann als Kopfkissen dienen)

·         Regenhose

·         Regenponcho

·         Taschenlampe

·         Feuerzeug

·         Handtuch

·         Spülschwamm

·         Seife

·         Kulturbeutel

·         Pflaster

·         Sonnencreme

·         Magnesium

·         Schmerztabletten

·         Powerbank

·         Ladekabel

·         (Kopfhörer)

·         (Kamera etc.)