Die Wirren der Reformation trafen auch den Schwarzwald

Auch Orte im Schwarzwald waren von der Reformation unmittelbar betroffen – wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung, wie sich am Verlauf der kirchlichen Erneuerungsbewegung in Karlsruhe, Gengenbach und Waldshut zeigen lässt. 

Von Andreas Steidel 

Martinskirche Gengenbach

Die beachtenswerte Martinskirche in Gengenbach liegt außerhalb der ursprünglichen Ummauerung der Stadt. Während das heutige Bauwerk aus der Mitte des 15. Jh. datiert, so geht die ursprüngliche Anlage auf die Karolingerzeit zurück. – © Ortenau Tourismus

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Hubmaiers

Wahrer Glaube

1521 trat ein katholischer Priester namens Balthasar Hubmaier seinen Dienst an der Martinskirche in Waldshut an. Kaum einer ahnte damals, welch revolutionären Geist er in die Stadt am Hochrhein bringen würde. Ein glühender Marienverehrer war er, doch von Anfang an faszinierten ihn auch die Schriften der gebildeten Humanisten sowie eines mutigen Mönchs namens Martin Luther, der den Papst herausgefordert hatte.

Auf einer Reise nach Zürich lernte Hubmaier die Schweizer Reformation kennen. Was Martin Luther im Norden war, das war Ulrich Zwingli im Süden. Die beiden großen Köpfe der Reformation kämpften unerbittlich für ihre Sache und konkurrierend um Anhänger. Balthasar Hubmaier traf Ulrich Zwingli 1523 in Zürich und wurde zu einem seiner großen Bewunderer. Öffentlich bekannte er sich zu dessen Positionen. Danach gab es kein Zurück mehr. 

Binnen kurzem gelang es dem charismatischen Prediger Hubmaier, die Bürger von Waldshut auf seine Seite zu ziehen. Messe, Prozessionen, Ablass, Heiligenverehrung: Alles war für ihn jetzt nur noch „unnützer Tand“, Teufelszeug von irregeleiteten Seelen, die den wahren Glauben ignorierten.

Waldshut

Die Täufergemeinde

Zum wahren Glauben gehörte für Balthasar Hubmaier, dass sich Menschen ganz bewusst als Erwachsene für die Taufe entscheiden. Es war jene Bewegung, die später den Schimpfnamen „Wiedertäufer“ bekommen sollte: Weil sie die Kindstaufe nicht anerkannten, tauften sie auch die, die als Baby schon einmal getauft worden waren.

Das war ein nicht ungefährliches Spiel, zumal auch der Reformator Martin Luther an der Kindstaufe festhielt. Daher setzte Hubmaier ganz auf Zwingli in der Schweiz. Ein Trugschluss, wie sich bald herausstellen sollte: Aus dem anfänglichen Liebäugeln des Schweizers mit der Täuferbewegung wurde schroffe Ablehnung. Da hatte Balthasar Hubmaier in Waldshut aber schon Fakten geschaffen: In einem feierlichen Akt ließen sich über 350 Bürger der Stadt taufen, darunter auch die Mehrheit des Stadtrates.

Damit war Waldshut de facto eine Täufergemeinde, die einzige, die es bis heute auf dem Gebiet des heutigen Baden-Württembergs geben sollte. Das ging nicht lange gut. Ende 1525 standen Hubmaier und seine Täufer isoliert da, eingeklemmt zwischen den Kräften der Reformation und Gegenreformation. Bald darauf schritten die im Süden herrschenden katholischen Vorderösterreicher ein: Die Stadt musste kapitulieren und Balthasar Hubmaier fliehen. 1528 wurde er in Wien auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Spurensuche

Reformation im Kinzigtal

In Waldshut erinnert heute eine Gedenktafel an der Baptistenkirche an Balthasar Hubmaier. Denn auch die Baptisten praktizieren die Erwachsenentaufe. Ihr Gotteshaus in Waldshut haben sie nach Balthasar Hubmaier benannt, obwohl der radikale Vorkämpfer für die Glaubenserneuerung in der evangelischen Welt Badens und Württembergs fast vergessen ist.

Ein wenig in Vergessenheit geraten ist auch die Reformation in Gengenbach im Kinzigtal. Wer heute durch die malerische alte Reichsstadt mit ihren vielen Fachwerkhäusern spaziert, wird kaum etwas von ihr wahrnehmen. Das Kloster, der Duft von Weihrauch in der Kirche, die alemannische Narrentradition: All das zeugt von einer ausgesprochen katholischen Vergangenheit.

Dabei war die Stadt auf dem besten Wege ganz und gar protestantisch zu werden. Es war der Einfluss des nahen Straßburg, der sich in Gengenbach bemerkbar machte. 1525 schloss sich die Stadt der neuen Bewegung an, unterstützt von einer Vielzahl evangelischer Prediger, die aus Straßburg über den Rhein kamen.

Reformator

Martin Bucer

Wortführer der Protestanten in Straßburg war Martin Bucer, der später auch zum geistigen Vater der Konfirmation werden sollte. Zufrieden stellte er 1545 fest, dass „man in Gengenbach ganz nach unserer Art lebe“. Als die Pest in Straßburg wütete, zog die dortige Lateinschule nach Gengenbach um. Ein eigener Katechismus bekräftigte die neue Lehre, die sich augenscheinlich im Kinzigtal etabliert hatte.

Doch der Schein trog:  Als 1548 Kaiser Karl V. letztmalig das Luthertum zu verbieten suchte und seine Untertanen zum alten Glauben zurückführen wollte, gelang ihm das in Gengenbach: Die für kurze Zeit evangelisch gewordene Martinskirche ist heute katholische Friedhofskirche. Ein eigenes Gotteshaus bekamen die Protestanten in Gengenbach erst 1890 wieder, mehr als 350 Jahre nach Martin Luther.

Städte im Wandel

Rekatholisierung?

Ganz anders verlief die Geschichte in Emmendingen am Westrand des Schwarzwaldes: Um 1590 sollte es nach der Hinwendung zum Protestantismus wieder rekatholisiert werden. Markgraf Jakob III. aus der Linie Baden-Hachberg hatte sich wieder dem Papsttum zugewandt und war im Begriff, auch seine Ländereien auf diesen Weg zurückzubringen – als ihn ein plötzlicher und äußerst ominöser Gifttod ereilte. Emmendingen fiel daraufhin an seinen Bruder und blieb evangelisch.

Von Dauer war die Einführung des Protestantismus auch in den beiden großen Städten des Nordschwarzwaldes, in Karlsruhe und Pforzheim. Als die Reformation Baden erreichte, war Pforzheim sogar Residenzstadt. 1556 wurde die neue Lehre in der Pforzheimer Schlosskirche offiziell ausgerufen. Pforzheim blieb protestantisch, auch als die Residenz 1565 nach Durlach verlegt wurde und 1718 schließlich nach Karlsruhe wechselte.

Wer einen Blick auf die Landkarte des Reformationszeitalters wirft, stellt allerdings schnell fest, dass es ein Baden und Württemberg im heutigen Sinne noch gar nicht gab. Die großen geschlossenen Territorien, aus denen später das Bundesland hervorgehen sollte, sind ein Ergebnis des napoleonischen Zeitalters.

 

Württemberg und Baden

Der Einfluss Napoleons

Vor Napoleons Neugliederung nach 1803 bestimmte eine Vielzahl von Kleinstaaten und Besitzungen das Land, das deshalb heute noch von einem steten Wechsel evangelischer und katholischer Traditionen gekennzeichnet ist.

So hatte sich 1535 die Markgrafschaft Baden aufgrund von Erbstreitigkeiten geteilt und bald auch religiös entzweit: Baden-Durlach wurde evangelisch, der Landesteil Baden-Baden jedoch blieb streng katholisch.

Der württembergische Teil des Schwarzwaldes hingegen wurde schon bald voll und ganz protestantisch, nachdem sich der Herzog klar und eindeutig zum Luthertum bekannt hatte: Tuttlingen im Süden gehörte ebenso dazu wie Herrenalb im Norden. Hier stieß die Gegenreformation an ihre Grenzen, während sie in anderen Teilen wie in Waldshut oder Gengenbach den alten Zustand wiederherstellte.

Hauptsitz der ev. Landeskirche in Baden

Karlsruhe

Auch in Karlsruhe rückte der Markgraf vorübergehend wieder vom Luthertum ab, wandte sich aber statt dem Katholizismus der calvinistischen Reform Schweizer Prägung zu. Sein Nachfolger drehte das Rad der Geschichte dann abermals in Richtung Luther zurück. Turbulente Zeiten mit vielen Irrungen und Wirrungen.

Karlsruhe ist heute der Hauptsitz der evangelischen Landeskirche in Baden, Stuttgart jener der evangelischen Landeskirche in Württemberg: Auch 65 Jahre nach der politischen Vereinigung sind die kirchlichen Strukturen in Baden-Württemberg klar getrennt. Bei evangelischen übrigens wie katholischen Christen, denn die Gebiete der katholischen Diözese Freiburg und Rottenburg-Stuttgart entsprechen denen der evangelischen Landeskirchen zu fast 100 Prozent.

                                    

Evanglisch und katholisch

Schwarzwald

Der Schwarzwald ist bis heute beides geblieben: badisch-württembergisch und evangelisch-katholisch. Ein bunter Glaubens- und Kulturmix, der Land und Leute geprägt hat und dessen Spuren auch im 21. Jahrhundert noch vielfach zu finden sind.     

 

Weitere Infos:

- Das Pfinzgaumuseum in Karlsruhe-Durlach besitzt zahlreiche Zeugnisse der badischen Reformation, unter anderem frühe Bibeldrucke aus lutherischer und calvinistischer Zeit: www.karlsruhe.de

- In der Schlosskirche in Pforzheim befinden sich das Reuchlin-Museum und die Grablege der Badener. Reuchlin war ein bedeutender Humanist und der Großonkel von Luthers wichtigstem Weggefährten Philipp Melanchthon: www.pforzheim.de

- Im 25 Kilometer von Waldshut entfernten Schleitheim in der Schweiz erinnert ein Täuferzimmer im Heimatmuseum an dieses besondere Kapitel der Reformation: www.museum-schleitheim.ch. In der Unteren Haspelstraße 22 in Waldshut steht die Balthasar-Hubmaier-Kirche der Baptisten-Gemeinde: www.waldshut-tiengen.de

- Wer in Gengenbach auf den Spuren der Reformation wandeln will, sollte die Martinskirche auf dem Friedhof besuchen: www.gengenbach.info

Andreas Steidel

Über den Autor

Andreas Steidel

Andreas Steidel ist freier Reisejournalist mit Wohnsitz in Calw im Nordschwarzwald. Er hat festgestellt, dass der Schwarzwald keineswegs so dunkel ist wie sein Name klingt. Wer sich erst mal intensiv mit ihm beschäftigt merkt, wie viele lichte Seiten er hat und wie viele helle Köpfe es hier gibt. Stoff genug für farbenfrohe Reportagen, die er seit vielen Jahren für verschiedene Publikationen macht. Dabei sattelt er gerne das Rad oder schnürt die Wanderstiefel. Als Schwarzwald-Guide führt er zuweilen sogar selbst Gäste durch die Natur.