Des Nationalparks pochendes Herz

Wer durch die langgezogenen Hallen des neuen Besucherinformationszentrums beim Nationalpark Schwarzwald streift, erlebt den Wald nicht nur aus allernächster Nähe - er wähnt sich unmittelbar in dessen pochendem Herzen. Von Reinhold Wagner

Ausstellung im Nationalparkzentrum

Der Lebensraum Wald lässt sich in der Dauerausstellung mit allen Sinnen erleben. Detaillierte Dioramen erzählen kleine Geschichten und liefern Einblicke in die verschiedensten Zusammenhänge. – © Reinhold Wagner

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Den Lebensraum Wald ...

 ...mit allen Sinnen erleben

Ausgewachsene Bäume stehen ringsum zum Greifen nah. Sie strecken ihre Äste und Zweige nach allen Seiten hin zum Wald und zu den Hauswänden. Von drinnen fällt der Blick durch die riesigen Panoramafenster direkt ins Geäst und ins Unterholz des Waldes. 

Durch eine Schranke mit Vorschau-Video geht es in die Dauerausstellung, den einzigen kostenpflichtigen Bereich der weitläufigen Anlage. Doch die hat es in sich – ein Besuch lohnt sich unbedingt. Kaum merklich führt der trittfeste, aber weich federnde Boden den Besucher an einem Geländer stetig abwärts in die Räume der Ausstellung im nördlichen Schwarzwald. Alles wurde so konzipiert, dass es barrierefrei und dadurch optimal für Kinderwagen und Rollstühle zugänglich ist. Am Ende jedes Absatzes stoppt eine kleine Plattform die Vorwärtsbewegung. Von da an befindet sich der Gast inmitten der Kulisse.

Er wird automatisch hineingezogen in eine Welt, wie sie draußen vor der Tür kaum authentischer sein könnte. Nur präsentiert sie sich drinnen in wetterfester und kompakter Form. Der Lebensraum Wald lässt sich hier mit allen Sinnen erleben – auch wenn es draußen nass und kalt sein sollte.

„Schau da, ein Feuersalamander!“ ruft das kleine Mädchen und zeigt in Richtung eines Moospolsters am Fuße eines Felsens. „Tatsächlich. Den hätte ich glatt übersehen“, erwidert der Vater und beugt sich tief hinunter. Der Junge interessiert sich derweil für den interaktiven Monitor mit Touchscreen, an dem sich Fragen zur Tier- und Pflanzenwelt beantworten lassen und die dazu passenden Geräusche zu vernehmen sind. Und die Mutter hätte sich beinahe erschrocken, als sie hinter dem Fressplatz eines Fuchses oder großen Raubvogels plötzlich zwei Mäuse tanzen sieht. „Die scheinen sich zu freuen, dass er sie nicht erwischt hat“, gibt sie in die Runde.

All dieses „Leben“ spielt sich in und um detailliert ausgestaltete Dioramen ab, die Station um Station kleine Geschichten erzählen. Sie liefern Einblicke in die Zusammenhänge des Lebens, wie es sich am Waldboden und bis hinauf in die Baumkronen abspielen könnte.

Und manchmal gehen die Einblicke noch einen Schritt weiter: Da eröffnen Luken im nachgebildeten Baumstamm, dem Erdwall oder der Schneedecke Zugänge zu verborgenen Verstecken. Vorgeschaltete Lupen vergrößern mikroskopisch kleine Lebewesen. Schlupflöcher und Höhlen können von Kindern durchkrabbelt und erforscht werden. Und per raumfüllendem Video steht auch einem Flug durch die Lüfte oder einem Eintauchen tief unter die Erdoberfläche nichts mehr im Weg. Selbst die geheimnisvolle Welt der Bärtierchen und Baumwurzeln erschließt sich dem Besucher hier auf eindrucksvolle Weise.

Vielfältiger Lebensraum Wald

Informative Streifzüge

Überwältigt von der Vielfalt der Eindrücke und Erlebnisse steht der Besucher vor der Wahl, seinen Rundgang durch das multifunktionale Gebäude des BIZ fortzusetzen, spannenden wissenschaftlichen Vorträgen zu lauschen, eine gemütliche Verschnauf- und Essenspause mit Panoramablick einzulegen oder sich mit Karten, Souvenirs und Flyern einzudecken und den Schritt vor die Tür und hinaus in die Natur zu gehen. Vieles ist möglich, und fast alles lässt sich im Alleingang, mit Freunden und Familie oder unter fachkundiger Anleitung in der Gruppe erleben.

Ein erlebnisreicher Klassenausflug in den Nationalpark? Ein Fachvortrag über die Rückkehr und Anwesenheit von Wolf und Luchs? Eine barrierefreie Tour über die freischwebende, offen verglaste Rampe des Skywalks in die Stamm- und Wipfelzone der Bäume? Ganz hoch hinaus auf den Aussichtsturm? Oder vielleicht doch lieber im Kinosaal multimedial berauschen lassen? Das neue BIZ am Ruhestein dient allen Besuchern des Nationalparks Schwarzwald als erste Anlaufstelle für Informationen und erste Einblicke. Es ist zugleich frei zugängliches Museum und modernes Info-Portal. Es ist Ausgangs-, Abschluss- und Treffpunkt für alle, die den 1. Nationalpark des Landes Baden-Württemberg erkunden und erobern wollen. Und es darf nun – nach offizieller Übergabe im Herbst 2020 – seine Gäste in Empfang nehmen und deren Wissensdurst stillen.

Ausgefallene Gestaltung

Schon rein äußerlich beeindruckt der Bau durch seine außergewöhnliche Form und Gestaltung: Wie mehrere übereinander gefallene und ineinander verzahnte Baumstämme eines Sturmwurfs schieben sich die einzelnen Elemente des Gebäudes in den Wald. Für den Bau sollte kein lebender Baum zu viel aus dem gewachsenen Altbestand weichen müssen. Vielmehr galt es bei der Planung und Umsetzung von Anfang an, den Wald und den Nationalpark selbst möglichst wirkungsvoll in Szene zu setzen. „Unser Hauptprotagonist ist nicht das Gebäude, sondern der Wald, den wir erlebbar machen wollen“, erläutert Bauherr Holger Probst, der kommissarische Leiter der Abteilung Hochbau beim Amt für Vermögen und Bau Baden-Württemberg mit Sitz in Pforzheim.

Neben den mit modernster Technik ausgestatteten Ausstellungs-, Kino- und Bildungsräumen befinden sich unter dem Dach des BIZ auch ein Restaurant mit regionaler Küche, ein Shop, Werkstätten und Büros sowie als Rückzugsmöglichkeit ein Raum der Stille. Im Außenbereich des nahezu ausschließlich aus heimischem Holz gefertigten Komplexes führen der „Skywalk“ mit Aussichtsturm ins Freie und ergänzen die „Große Ruhesteinschanze“, ein Ski-Hang mit Sessellift, ein Kiosk mit Schwarzwaldprodukten, das alte Naturparkzentrum und der Sitz der Nationalparkverwaltung nebst ÖPNV-Anbindung und Parkraum das Ensemble.

In einem weiteren Schritt erfolgt ab diesem Frühjahr der Umbau des Nationalparkhauses in Forbach-Herrenwies aus einem denkmalgeschützten ehemaligen Rossstall hin zu einer zweiten Anlaufstätte für Besucher, die sich den nördlichen Teil des zweigeteilten Nationalparks vornehmen. Dieses soll nach seiner Fertigstellung in Ergänzung zum BIZ am Ruhestein im Rahmen einer eigenen Dauerausstellung den Schwerpunkt mehr auf die menschliche Einflussnahme auf die Natur und Landschaft im Schwarzwald legen. Die einstige, heutige und künftige Funktion des Waldes von seiner wilden Urform über die Nutzbarmachung bis hin zur großräumigen „Wiederauswilderung“ insbesondere innerhalb der Nationalparkgrenzen soll den Menschen der Region ebenso wie weitgereisten Schwarzwaldbesuchern nahegebracht und möglichst lebendig veranschaulicht werden.

Info:

Nationalpark Schwarzwald, Schwarzwaldhochstraße 2, 77889 Seebach, Mail: info@nlp.bwl.de, Tel. 07449.92998-0, www.schwarzwald-nationalpark.de

Ein eigenes Nationalparkticket bietet Gästen, die keine KONUS-Gästekarte haben, die Möglichkeit, das gesamte Gebiet des Nationalparks Schwarzwald verbundübergreifend mit einem Ticket zu erkunden. Es ist als Tagesticket für Einzelpersonen, Familien oder Gruppen im Bus erhältlich. Infos unter „Anreise“: www.nationalpark-schwarzwald.de

Reinhold Wagner

Über den Autor

Reihold Wagner

Reinhold Wagner ist freier Autor, Text- und Bildjournalist aus Freiburg. Er schreibt und fotografiert für Magazine, Bücher und Sonderseiten der Zeitung, um seine Erlebnisse in zeitlosen Reportagen mit möglichst vielen Lesern zu teilen. Ob E-Bike, Segway, Zipline oder Kajak, Abheben im Ballon oder Abtauchen ins Bergwerk – der Outdoor-Fan, Biologe und Naturfreund ist überall mit dabei. Er kennt und erlebt den Schwarzwald und die Regio immer wieder von Neuem aktiv, mit allen Sinnen und aus ständig wechselnden Perspektiven.