Armin Schnürle und Ed Herzog
Calw im Nordschwarzwald ist ein kreatives Pflaster: Der Schriftsteller Hermann Hesse kommt da her, aber auch zwei bemerkenswerte Filmemacher haben hier ihre Wurzeln: Armin Schnürle (56), der mit „Mordkommission Calw“ alljährlich das Open-Air-Kino füllt, und Ed Herzog (60), der Regisseur der bundesweit bekannten Eberhofer-Krimis.
Ungünstige Voraussetzungen können ausgesprochen karriereförderlich sein. So war das auch bei Ed Herzog und Armin Schnürle aus Calw. Als Kinder pietistischer, konservativ-christlicher Eltern durften sie beide nicht ins Kino gehen. Vor allem am Sonntag war der Gang in die Lichtspielhäuser ausgesprochen verpönt.
So wurde der Film für sie zu einem großen Faszinosum. Armin knipste klammheimlich, wenn die Eltern aus dem Haus gingen, den Fernseher an. Ed ließ sich haarklein vom Nachbarsjungen erzählen, was am Vortag im Kino lief. Als sie beide alt genug waren, gab es kein Halten mehr: Ed Herzog, geboren 1965, machte Zivildienst und genoss die große Freiheit der Stuttgarter Kinosäle, Armin Schnürle, Jahrgang 1970, wurde in seiner Freizeit Kinovorführer in Calw.
Bald war klar: Beide wollten nicht nur Filme anschauen, sondern selbst auch welche machen. Ed Herzog absolvierte ein Praktikum beim „Kleinen Fernsehspiel“ und wurde Produktionsfahrer beim bekannten Regisseur Helmut Dietl. Armin Schnürle wiederum begann an der Schule, erste Filme mit der Videokamera zu drehen. Für 50 Pfennig Eintritt konnte man das Ergebnis im verdunkelten Chemiesaal bestaunen.
So ähnlich die Anfänge der beiden waren, so unterschiedlich verliefen ihre weiteren Lebenswege. Ed Herzog wollte hinaus in die Welt. Er bewarb sich 1991 an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin und wurde zur Verwunderung seiner Eltern genommen. Als er fünf Jahre später seinen Erstling für Radio Bremen und danach den Pilotfilm der Serie „Bloch“ mit Dieter Pfaff drehen durfte, bedeutete das den Durchbruch.
Es war der Einstieg ins Profigeschäft. Die Kunst freilich ist es, davon auch leben zu können. „Regisseure sind Freiberufler“, sagt Herzog, „und da braucht man ab und zu Aufträge, um über die Runden zu kommen.“ Die bekam er, vor allem von der ARD. Ed Herzog führte Regie beim „Tatort“ und dem „Polizeiruf“ und flog für „Almost Heaven“ sogar zu Dreharbeiten in die USA und nach Jamaika.
Ganz anders Armin Schnürle. Er blieb in Calw und machte eine Banklehre. „Ich bin so geprägt, ich brauche etwas Sicheres“, sagt er. Er mag seinen Beruf, berät täglich Firmenkunden. Doch seine eigentliche Leidenschaft gehört dem Film. Er hat die Videokamera nie aus der Hand gelegt, sondern allerhöchstens gegen ein neueres, digitales Modell eingetauscht.
Mitte der Neunzigerjahre begann Armin Schnürle, eine feste Mannschaft um sich zu scharen. Filmbegeisterte wie er, die bereit waren, ihre Freizeit zu opfern. Sie drehten als „Mania Pictures“ alles Mögliche: Komödien, Fantasy-Stories, Jugendfilme. Der Erfolg war mittelmäßig. „Wir hatten einfach noch nicht unsere Nische gefunden“, sagt Schnürle im Rückblick.
Das änderte sich schlagartig, als sie sich von den Schauplätzen in der Ferne verabschiedeten und ihre Schwarzwälder Heimatstadt als Kulisse wählten. 2001, vor genau 25 Jahren, kam der erste „Tatort Calw“ in die Kinos. Es war ein sensationeller Erfolg: Aus rund 400 Zuschauern wurden plötzlich 4000. Hinzu kamen kleine Werbespots mit Firmen aus der Region, die mit ihrem knitzen Humor zu einer eigenen Kunstform wurden.
Das Lokalkolorit, der schwäbische Dialekt und die bekannten Schauplätze in der Hesse-Stadt lockten nun nicht mehr nur die Filmfreaks, sondern auch das bürgerliche Publikum in die Vorstellung. Der Oberbürgermeister und der Gemeinderat kamen, der Pfarrer und die örtlichen Vereinsvorsitzenden. Also drehte man weiter: Dem ersten „Tatort Calw“ folgte ein zweiter, dem zweiten ein dritter, dem dritten ein vierter – bis schließlich der Stoff ausging.
Ed Herzog hatte sich derweil in Berlin-Kreuzberg etabliert. Wie einst Hermann Hesse hatte er Calw hinter sich gelassen und genoss die Freiheit der Großstadt. Im Kreis der Filmschaffenden hatte er sich Renommee erarbeitet, doch Regisseure arbeiten hinter den Kulissen. Und so kannte ihn selbst in seiner Heimatstadt kaum einer, denn wer interessiert sich schon dafür, wer beim „Tatort“ hinter der Kamera steht?
2013 ereilte ihn dann ein Auftrag, der alles ändern sollte: Es begann mit einer kleinen Sommerkomödie, für Constantin-Film sollte Herzog eine Episode der erfolgreichen Eberhofer-Reihe der Autorin Rita Falk auf die Leinwand bringen. Eine schräge niederbayerische Satire mit ebenso schrägen Charakteren. „Irgendetwas gefiel mir daran“, erinnert sich Ed Herzog, „aber dass es auch ein Publikumserfolg werden würde, hätte ich nicht gedacht.“
Schon der „Dampfnudelblues“ lockte über 500.000 Besucher in die Kinos. Der nächste war ähnlich erfolgreich und mit „Sauerkrautkoma“ knackte man die Millionengrenze. Sage und schreibe 10,5 Millionen Zuschauer haben sich die zwischenzeitlich neun Eberhofer-Folgen angesehen. Im Sommer kommt der zehnte heraus, vor allem in den Open-Air-Kinos ist die Reihe bundesweit Kult.
Wie aber ging es mit Armin Schnürle weiter? Mit dem Ende der ersten „Tatort Calw“-Staffel inszenierte er eine Dorfsatire mit dem Titel „Village People“. Es wurde wieder ein Erfolg, sodass weitere Village-Filme folgten. Sie zündeten nicht mehr so, schließlich kehrte die Calwer Crew 2013 zur „Tatort“-Idee zurück.
Es war ihr eigentliches Metier und mit wenigen Unterbrechungen würden sie sich davon auch nicht mehr verabschieden. Eine dieser Unterbrechungen war ein Anwaltsschreiben der ARD: Der Sender untersagte ihnen, den Begriff „Tatort“ weiterhin zu benutzen. Eine schlechte Nachricht, doch insgeheim freute sich Schnürle auch ein wenig darüber, dass sich die Calwer Reihe bis zu den Machern des großen „Tatorts“ herumgesprochen hatte.
Zum Glück war man sich schnell einig: Der „Tatort Calw“ heißt seither „Mordkommission Calw“ und feiert nun mitsamt seinen Vorläufern diesen Sommer 25-jähriges Jubiläum. Die nächste Folge ist schon abgedreht und wird unter dem Titel „Die Hesse-Verschwörung“ ins Kino kommen. Drehbuch und Idee: natürlich wie immer Armin Schnürle.
Der ist am Set Mädchen für alles, schreibt, plant, organsiert, macht, wenn’s klemmt, auch mal selbst die Maske. Sachen, mit denen sich ein Ed Herzog nie allein herumschlagen muss. 2023 haben sie sich beim Open Air im Kloster Hirsau kennengelernt und sind gemeinsam vors Publikum im Schwarzwald getreten. Es war der Abend, als in Eds Heimat der neue Eberhofer lief.
Sie mögen sich und schätzen sich: der Profi und der überaus professionelle Amateur. Ihre Vorstellungen im malerischen Ambiente der alten Ruine sind in aller Regel ausverkauft. Das wird auch in diesem Jahr wohl nicht anders sein. Die Filmerei geht immer weiter – und dagegen haben Armin Schnürle und Ed Herzog rein gar nichts einzuwenden.
Information
Die nächste „Mordkommission Calw“ („Die Hesse-Verschwörung“) und der neue Eberhofer („Steckerlfischfiasko“) werden unter anderem im Rahmen des Open-Air-Sommerkinos in der Klosterruine Hirsau gezeigt (15. August bis 5. September 2026). Armin Schnürle (mehr Infos zu all seinen Produktionen unter www.mania-pictures.de) und vermutlich auch Ed Herzog werden anwesend sein: www.kommunales-kino-pforzheim.de/sommerkino-kloster-hirsau
Text: Andreas Steidel
Fotos: Mania Picturer; Bernd Schuller; Andreas Steidel
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