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Jedes Stück ist bei mir eine Einzelanfertigung.

Adrian Burger

 

Schlag für Schlag bearbeitet Adrian Burger das Gesicht der Katze. Stößt ihr das Schnitzmesser ins Auge, klopft mit dem Holzhammer die Wangen zurecht. Das Kinn könnte noch einen Feinschliff vertragen und die Partie um die Barthaare auch. Jetzt dauert es nicht mehr lange, bis sie den Schraubstock verlässt und etwas Farbe ins Gesicht bekommt. 

Natürlich ist die Kreatur, die Adrian Burger mit dem Holzhammer traktiert, keine echte Katze. Es ist nur eine Fasnetsmaske, die das Gesicht einer Katze hat. Die Villinger Narrenzunft „Miau“ hat sie bestellt, ein Katzenmusikverein, der auf schräge Töne spezialisiert ist. 

Eine handgeschnitzte Maske aus Lindenholz soll es werden, passgenau für die Gesichtsform des Auftraggebers. „Jedes Stück“, sagt Adrian Burger, „ist bei mir eine Einzelanfertigung“.

Die Villinger Narrenzunft „Miau“ hat eine Katzen-Maske bestellt, ein Katzenmusikverein, der auf schräge Töne spezialisiert ist.
Die Villinger Narrenzunft „Miau“ hat eine Katzen-Maske bestellt, ein Katzenmusikverein, der auf schräge Töne spezialisiert ist. – © Andreas Steidel

 

Seit 30 Jahren ist Adrian Burger aus Elzach im südlichen Schwarzwald Holzbildhauermeister. Er schnitzt Figuren, gestaltet Schriftzüge, fertigt Reliefs und Grabdenkmale. Sein Hauptgeschäft jedoch sind Fasnetsmasken. Wunderliche Verkleidungen, mit denen die Zünfte der Schwäbisch-Alemannischen Fasnet ihren Mummenschanz treiben. Tier- und Teufelsgesichter, Hexenfratzen und Antlitze garstiger Gesellen. Die Vielfalt der Masken ist kaum noch überschaubar, über 3000 von ihnen hat Adrian Burger im Laufe seines Arbeitslebens schon gefertigt.

Man kann die Fasnet bei mir riechen.

Adrian Burger

 

Wer seine Werkstatt betritt, nimmt den Duft von frischem Holz wahr. Überall liegen Späne, halbfertige Gesichter und frischbemalte Werkstücke. „Man kann die Fasnet bei mir riechen“, sagt er zuweilen scherzhaft und zeigt Besuchern gerne, wie aus einem Stück Holz eine fertige Larve wird.

Katzen-Maske von Adrian Burger

"entlarvt"

Holz-Gesichter

Larve ist das Fachwort für die Masken. Es kommt ursprünglich aus dem Lateinischen und bedeutet Gespenst. Wie Gespenster sehen viele der Larventräger ja auch aus, lassen sie ihre Maske fallen, sind sie im wahrsten Sinne des Wortes „entlarvt“.

Die Schnitzkunst von Adrian Burger beginnt damit, dass er in seine Bandsäge ein Stück Holz einspannt. Er hat es zuvor selbst ausgesucht, kauft ganze Stämme aus dem Schwarzwald oder Rheintal. „Ich schau mir das genau an“, sagt der 57-Jährige, Qualität ist oberstes Gebot und fängt bei der Auswahl des richtigen Rohstoffs an.

Der Rohstoff der Fasnetslarven ist stets Lindenholz.

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Es reißt nicht, ist weich und beständig und schön gleichmäßig in seiner Struktur. Die ideale Grundlage für ein feines Katzengesicht mit Schnurrbart. Oder einen teuflischen „Schuttig“, wie die Hauptfigur der Elzacher Fasnet heißt. Mit der Bandsäge fräst Adrian Burger grob die Gesichtsform vor. „Es ist der einzige Arbeitsschritt mit der Maschine“, sagt der Holzbildhauermeister, „der Rest ist Handarbeit“.

Schlag für Schlag bearbeitet Adrian Burger das Gesicht der Katze.

Auf dem Holzweg

Burger wird Schnitzer

 

Adrian Burger hat das Schnitzen von der Pike auf gelernt. Ging schon als Bub zum Onkel Konrad Wernet in die Werkstatt. Es fasziniert ihn, wie der sich auf die Kunst des Maskenschnitzens versteht. Das Geschäft boomt seit den Fünfzigerjahren, wer in der Schwäbisch-Alemannischen Fasnet etwas auf sich hält, lässt sich eine Holzmaske vom Fachmann anfertigen.

Der berühmteste aller Fachleute in Elzach war Josef Tränkle. Er wurde zum Vorbild vieler Larvenschnitzer weit über die Region hinaus. 1989 übernahm der junge Holzbildhauermeister Adrian Burger seine Werkstatt und trat damit in große Fußstapfen. Er wuchs in sie hinein, baute sich selbst einen Ruf auf und eröffnete 1997 ein neues Atelier.

Ab September gibt es keinen Urlaub mehr.

Adrian Burger

 

Rund 120 Narrenzünfte gehören zwischenzeitlich zu seinen Auftraggebern. Sie kommen aus dem gesamten Gebiet der Schwarzwälder Fasnet und manchmal darüber hinaus. Selbst Japaner haben bei ihm schon Larven bestellt, Sammler aus aller Welt, die echte Handwerkskunst zu schätzen wissen. 

Oft ist Adrian Burger schon weit im Voraus ausgebucht. „Ab September gibt es keinen Urlaub mehr“, sagt er. Die Monate vor der Fasnet steht er sechs Tage pro Woche in seiner Werkstatt, in der heißen Schlussphase fast jeden Tag bis kurz vor Mitternacht. Es braucht halt seine Zeit, bis eine handgeschnitzte Holzmaske fertig ist. Sechs bis zehn Stunden, ein Tagwerk Arbeit, der Teufel liegt im Detail.

Narren ziehen beim Umzug durch die Straßen
Narren ziehen beim Umzug durch die Straßen – © Wirtschaft und Tourismus Villingen-Schwenningen GmbH

 

Die meiste Zeit nimmt das Schnitzen in Anspruch. Wenn aus dem Rohling langsam ein Gesicht wird, mit Barthaaren, Augenringen, individuellen Zügen. Sein Entwurf aus Papier oder Holz hängt daneben, dient als Orientierung. Etwa 30 Schnitzmesser liegen auf der Hobelbank, vier Holzhämmer, mit denen er die groben Züge der Fratze formt. Am Ende gibt es einen Überzug aus Öl- oder Acrylfarbe, ein buntes Gesicht, das die Maske erst richtig zur Geltung bringt. Burger gibt der schwäbisch-alemannischen Fasnet viele Gesichter.

Ein paar von ihnen sind auch für den Eigenbedarf.

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Jedes Jahr zur närrischen Zeit geht Adrian Burger selbst auf Tour, in der Larve eines „Schuttig“, jenem wilden Gesellen, der die teuflische Hauptfigur der Elzacher Fasnet ist. „Eine wunderschöne Zeit“, sagt der Schwarzwälder, der von der Tradition nicht nur lebt, sondern sie auch liebt. 
Dann zieht er mit Freunden von Haus zu Haus, klopft auch bei denen an, die nicht mehr zum Umzug gehen können und bereitet ihnen ein paar vergnügliche Stunden. Das Gesicht bleibt dabei stets verhüllt, die Demaskierung ist ein Tabu, das in Elzach niemand zu brechen wagt. Es gibt sogar eigene Räume, in denen die Hästräger ihre Larve abnehmen, damit es niemand sieht.

 Einer wollte mal eine Madonna mit den Gesichtszügen seiner Frau, das habe ich dann doch nicht gemacht.

Adrian Burger

 

Demnächst wird der Villinger Katzenmusiker seine Maske bei Adrian Burger abholen. Er wird vermutlich schnurren vor Freude, auch wenn er ein paar hundert Euro dafür hinlegen muss. Aber Qualität hat nun einmal ihren Preis, und Qualität garantiert Adrian Burger immer. „Wer nicht zufrieden ist, muss die Maske auch nicht nehmen“, sagt der Meister, „aber das kommt eigentlich nicht vor“.

Vor kommt hingegen, dass er auch mal einen Auftrag ablehnt. „Einer wollte mal eine Madonna mit den Gesichtszügen seiner Frau, das habe ich dann doch nicht gemacht.“ Ansonsten ist ihm kein Gesicht kompliziert genug. In der himmlischen Ruhe seiner Werkstatt arbeitet er nun schon 30 Jahre in künstlerischer Abgeschiedenheit, nur mit sich alleine.

Umso mehr freut er sich, wenn ab und an seine Frau und seine zwei Kinder vorbeischauen oder eben jene Menschen, die ihre Maske abholen: „Wenn Kunden kommen und strahlen, weil es ihnen gefällt, dann ist das für mich der größte Lohn“, sagt Adrian Burger.

 

Text & Bilder:     Andreas Steidel
Video:                   Chris Keller

Wie eine Larve entsteht

Adrian Burger im Video