26.07.2021

Wie das Bauhaus nach Karlsruhe kam

Die legendäre Kunstschule „Bauhaus“ hat mit der Siedlung Dammerstock und der Schwarzwaldhalle auch in Karlsruhe deutliche Spuren hinterlassen. 

Ein Artikel von Claudia List
 

Schwarzwaldhalle Karlsruhe

Die Schwarzwaldhalle in Karlsruhe zählt zu den Bauhaus-Bauten in der Fächerstadt. – © Karlsruhe Tourismus GmbH

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An einem kleinen Pförtnerhäuschen prangt die Aufschrift „Eintritt 50 Pfennig“: Das mussten die Besucher 1929 zahlen, um den Dammerstock, eine „Mustersiedlung des Neuen Bauens“ im Süden Karlsruhes, zu sehen. Heute kann man ohne Eintritt an den Häusern vorbeispazieren, die sich mit Flachdächern und weißen Fassaden zwischen großzügigen Grünflächen erheben. Mehrstöckige Bauten gibt es mit langen Fensterbändern. Gläserne Treppenhäuser schieben sich aus der Fassade, in anderen führen Laubengänge zu den Wohnungen. Vor schmalen, kompakten Reihenhäusern liegen ebenso schmale, teils üppig blühende Vorgärten.

Walter Gropius, Architekt und Gründer des Bauhauses in Weimar, hatte die Leitung des Projekts. Was er in Karlsruhe 1929 errichten ließ, erntete Lob, aber auch viel Spott. „Die Siedlung wurde ‚Jammerstock‘ genannt“, sagt Gabriele Tomaschewski.

Das Schwarzweißfoto aus der Zeit der Eröffnung, das die Gästeführerin zeigt, wirkt auch nicht gerade einladend: Die Häuser standen noch im kahlen Gelände. Ihre Anordnung in langen Reihen hintereinander war ungewöhnlich, normalerweise wurden in dieser Zeit Stadthäuser in Blocks errichtet. Auch die gradlinige Gestaltung, die weißen Fassaden, die ganze neue Sachlichkeit waren fremd. Dass die Wohnungen zu schnell bezogen wurden und es dadurch Probleme mit Schimmel und auch Bauschäden gab, befeuerte die Kritiker.

Deutliche Kritik - aber auch viel Lob

Die Siedlung erntete aber auch viel Lob und brachte den Mietern viel Gutes: Sie brauchten keine Kohlen mehr zu schleppen, weil ihre Wohnungen an einem zentralen Heizwerk hingen. Auch ein Gemeinschaftswaschhaus gab es, ein Entwurf von Otto Haesler, der in enger Verbindung zum Bauhaus stand: Dadurch musste keiner mehr die Wäsche zuhause waschen und über dem Herd trocknen.

„Auch das Ziel, durch die Zeilenbauweise viel Licht, Luft und Großzügigkeit in die Siedlung zu bringen, ist sehr gut gelungen“, erklärt Gabriele Tomaschewski. Sie muss es wissen: Sie ist in diesem Stadtteil groß geworden. Als Bautechnikerin war sie außerdem bei dem Architekturbüro angestellt, das seit den 1970er-Jahren im ehemaligen Gemeinschaftswaschhaus arbeitet.

Seit sie in Rente ist, führt sie Interessierte durch die Siedlung, die als herausragendes Beispiel für die Prinzipien des „Neuen Bauens“ in der Weimarer Republik gilt. Damals entfaltete sich die künstlerische Moderne und eines ihrer Aushängeschilder war das 1919 gegründete Bauhaus, eine staatliche Hochschule für Gestaltung. In Karlsruhe steht dabei die Dammerstock-Siedlung im Mittelpunkt, die 1929 eröffnet wurde.

Künstlerisches Aushängeschild

Gropius und Co: Bauhaus

 

Ihre gesamte Werbegestaltung hatte der Künstler Kurt Schwitters übernommen. Mit genau 228 Wohnungen ging sie damals an den Start: 23 verschiedene Typen in Reihen- und Mehrfamilienhäusern, ausgelegt für zwei, vier und sechs Betten. Sie waren zwischen 45 und 70 Quadratmeter groß und funktionell, aber nicht üppig geschnitten. Auch das lieferte Anlass zum Spott: Der Nachttopf für den Dammerstock habe den Henkel innen, hieß es damals, weil dort alles so klein und beengt sei.

„Es waren eben sehr günstige Bauten“, sagt Gabriele Tomaschewski. Darum ging es der Stadt, in der wie vielerorts nach dem 1. Weltkrieg große Wohnungsnot herrschte. Deshalb lobte Karlsruhe einen Wettbewerb für eine „neuzeitliche Siedlung“ aus. Die Stadt holte Mies van der Rohe in die Jury, den führenden Architekten der Moderne. Außerdem gab sie vor, wie groß eine Wohnung sein und dass in Zeilen gebaut werden sollte.

Namhafte Architekten aus dem In- und Ausland beteiligten sich, am Ende gewann Walter Gropius den 1. Preis und übernahm die Leitung. Drei Gebäude, darunter zwei Laubenganghäuser, entwarf er selbst, und viele weitere Preisträger setzten ihre Ideen um. Das Zauberwort hieß dabei Standardisierung. Ob Maße, Farben oder Materialien: alles war vorgegeben. So konnte in industrialisierter Bauweise schnell und preiswert gebaut werden.

Nach dem ersten Bauabschnitt geriet das Projekt durch die Weltwirtschaftskrise ins Stocken. Den Nationalsozialisten missfiel die Siedlung, doch aus Geldmangel blieben die bestehenden Bauten von größeren Veränderungen verschont. 1947 entwickelte man sie dann im Stil der vorhandenen Häuser weiter.

Bauhaus-Entdeckungen zu Fuß oder mit dem Rad

Bis heute ist der Dammerstock ein beliebtes Wohngebiet, wie die Stadtführerin erklärt. Die Wohnungen können nur gemietet werden und gehören nach wie vor der Baugenossenschaft Hardtwaldsiedlung und der kommunalen Baugesellschaft „Volkswohnung“. Eine Musterwohnung steht Besuchern zwar nicht offen, dafür die ehemalige Gaststätte. Otto Haesler hatte auch dieses Gebäude entworfen, dessen Gastraum im Erdgeschoss von einem langen Band aus gleichmäßigen Fenstern umgeben ist. Vor wenigen Jahren ist hier ein Slow-Food-Restaurant namens „Erasmus“ eingezogen. Die Betreiber servieren feine Speisen und haben den Innenraum so umgestaltet, dass er „dem Baustil würdig ist“, lobt Gabriele Tomaschewski.

Mit der Schwarzwaldhalle hat Karlsruhe ein weiteres herausragendes Werk, das vom Bauhaus beeinflusst ist. Erich Schelling, Architekt der Nachkriegsmoderne, hatte die verglaste, filigrane Halle geplant. Ihre Eröffnung 1953 machte Schlagzeilen: Solch ein geschwungenes Hängedach aus Spannbeton war europaweit bis dahin einmalig. Und weil es nur sechs Zentimeter dick ist, wirkt die Halle besonders leicht und luftig.

Die Fachwelt staunte über das Werk, dessen Einzigartigkeit sich auch in der Art und Weise der statischen Prüfung zeigte: „Bis zu 200 Bauarbeiter wurden in unterschiedlicher Gruppierung auf dem Dach postiert, bald gehend, bald schwingend, bald stillstehend“, schreibt das Landesdenkmalamt.

Diese und weitere Werke rund ums „Neue Bauen“ hat die Stadt Karlsruhe zusammengestellt und Rad-/Wandertouren entwickelt, mit der Besucher auf eigene Faust losziehen können.

Infos:

Informationen und Termine zu den Führungen durch die Siedlung gibt es auf www.karlsruhe-tourismus.de. Touren durch den Dammerstock und die Gartenstadt bietet auch Stattreisen Karlsruhe an (www.stattreisen-karlsruhe.de). Mehr zu den Führungen in der Schwarzwaldhalle bei der Karlsruher Messe- und Kongress GmbH, www.messe-karlsruhe.de

Claudia List

Über die Autorin

Claudia List

Claudia List hat Journalismus und Betriebswirtschaft studiert, bei einer Tageszeitung volontiert und viele Jahre als Reiseredakteurin bei einer Wochenzeitung gearbeitet. Sie lebt in Stuttgart und schreibt als freie Journalistin in Zeitungen, Magazinen und Büchern über die erlebnis- und genussreichen Seiten Baden-Württembergs. Dabei haben es ihr besonders die Mittelgebirge im Lande angetan. Sie ist Chefredakteurin eines Magazins über die Schwäbische Alb, schreibt aber genauso gern über die spannenden Themen, die der Schwarzwald bietet: Dafür verbringt sie mit Vergnügen eine Nacht im Baumzelt, wandert durch die Landschaft, folgt den Spuren eines Dichters, trifft Winzer und andere Genusshandwerker und besucht Dorfgasthäuser.