Süßes Juwel

Im „Süßen Löchle“ in Lahr sieht alles noch so aus wie damals, als es im Stil des Art déco eingerichtet wurde. Zu verdanken ist das engagierten Bürgern, die das Denkmal gerettet haben. Das Museumscafé können Besucher aber nicht nur betrachten, sondern dort auch Kaffee und Kuchen im Denkmal genießen. Ein Artikel von Claudia List

Süßes Löchle_Tradition

Pächterin Heike Neumann präsentiert die Vielfalt im Café "Süßes Löchle". – © Claudia List

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Schnell war die folgenreiche Entscheidung gefallen. Adelheid Wagner saß wie jeden Samstag mit ihrem Mann im Café „Süßes Löchle“ in Lahr im mittleren Schwarzwald. Das Haus stand zum Verkauf und als das Unternehmerehepaar aufbrach, fragte die Pächterin: „Warum kaufen Sie es eigentlich nicht?“ Adelheid und Roland Wagner gingen hinaus auf die Friedrichstraße, „doch nach ein paar Schritten war uns klar: Das machen wir!“, erzählt Adelheid Wagner.

Seit 2017 gehört ihnen das Haus, das unter Denkmalschutz steht und dessen Einrichtung seit den 1920er-Jahren überdauert hat. Die Wagners haben das Ensemble in ein Juwel verwandelt, was sich schon im Verkaufsraum mit seinem prächtigen Vitrinenschrank und einem Buffet aus Glas und Metall zeigt. Die mehr als 100 Jahre alte Registrierkasse stiehlt den appetitlichen Kuchen und Quiches, die im Buffet ausgestellt sind, fast die Schau.

Hinter Sprossenfenstern und einer Glastür liegt das Café, das um 1920 im Stil des Art déco eingerichtet wurde: mit roten Lederbänken, halbhoher Wandvertäfelung und Marmorplatten auf den Tischen. Bunte Märchenmotive zieren die bleiverglasten Fenster zum Hof. Dort liegt auch die Backstube, die in die Anfänge des vorigen Jahrhunderts entführt, als lederne Transmissionsriemen das Rührgerät angetrieben haben. Zur historischen Ausstattung gehört auch ein Konditorentisch mit raffiniertem Innenleben: Kaltes Wasser, das unter der Platte durchfloss, kühlte die Schokolade beim Verarbeiten.

Das ganze Haus ist ein Museum und kann mit einem Audioguide erkundet werden. In der Hauptrolle: Hildegard Seidl, die als junges Mädchen 1939 ins Café „Süßes Löchle“ nach Lahr kam und bei ihrer Tante, Gertrud Hauser, in die Lehre ging. Selbst das Köfferchen, mit dem sie damals anreiste, ist zu sehen. In Hörspielszenen führt Hildegard durchs Café und ihre Wohnräume und erzählt, wie es früher dort zuging.

Behutsam modernisierte Tradition

Sanierung erhält Denkmalschutzpreis

Eugen Hildebrand hatte die Konditorei und das nach ihm benannte Café gegründet. Geschäftsführerin war Gertrud Hauser. Über sie gelangte es später in die Hände ihrer Nichte Hildegard Seidl, die über 60 Jahre lang im Haus lebte. Als es Anfang des 21. Jahrhunderts versteigert werden sollte, gründeten Lahrer Bürger eine Aktiengesellschaft und retteten das Gebäude mit vereinten Kräften. Doch irgendwann konnten sie die nötigen Sanierungen nicht mehr stemmen.

2017 unterzeichneten Wagners den Kaufvertrag für das Café, das schon lange „Süßes Löchle“ hieß. „Vielleicht, weil es ein schmales, langes Ensemble aus Vorderhaus, Hof und Hinterhaus ist“, vermutet Adelheid Wagner. Im Innenhof stand lauter Gerümpel, auf dem Dachboden gab es kein Durchkommen und im Schlafzimmer von Hildegard Seidl fand Adelheid Wagner noch die Wärmflasche im Bett. Wochenlang arbeitete sie sich durch die Räume, sortierte und organisierte und wühlte sich durch den Staub aus Jahrzehnten.

Das Ehepaar holte sich einen in Denkmalangelegenheiten erfahrenen Planer an die Seite, der auch historische Baustoffe organisierte, wenn doch mal etwas ersetzt werden musste. Für die vorbildliche Sanierung wurde das Haus 2020 mit dem Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg ausgezeichnet. „Diese Anerkennung hat uns bestätigt, dass wir nichts aus dem wertvollen Bestand zerstört haben“, sagt Adelheid Wagner.

Das Ambiente - eine Rarität

Sie ist stolz darauf, dass alles, was im Haus zu sehen ist, schon früher da war. Das gilt auch für das Klavier und den prächtigen Ofen, die in Hildegards Wohnzimmer im Obergeschoss zu sehen sind. Die Räume wurden nicht wieder als Wohnung vermietet, sondern werden für kleine Feiern genutzt.  „Unser Ziel war es immer, das ganze Haus den Menschen in Lahr wieder zugänglich zu machen“, erklärt Roland Wagner.

Dabei ist das „Süße Löchle“ nicht nur Museum, sondern auch ein Café. Heike Neumann hat sich in seine Atmosphäre verliebt und hat es nun gemeinsam mit ihrem Mann Roland vom Ehepaar Wagner gepachtet. Kuchen, Suppen und andere Gerichte bereitet sie selbst zu. Neben vielen Stammgästen zieht das „Süße Löchle“ inzwischen auch Touristen aus der Schweiz und Frankreich an. Das Ambiente, das ein Jahrhundert überdauerte, ist eine Rarität. „Das ganze Haus atmet“, beschreibt es Adelheid Wagner, „und unsere Gäste spüren die entspannte Atmosphäre, die von ihm ausgeht“.

Museumscafé „Süßes Löchle“

Das Café in der Friedrichstraße 14 in Lahr ist normalerweise donnerstags bis samstags geöffnet: Tel. 07821/9966440, www.cafe-suesses-loechle.de

Im Café sind viele Bilder des Lahrer Malers Wilhelm Wickertsheimer (1886 –1968) zu sehen, der im Café ein- und ausgegangen ist. Ein rund sechs Kilometer langer Kunstweg führt auf seinen Spuren durch die Innenstadt und die Umgebung von Lahr und endet im „Café Süßes Löchle“. Mehr Infos dazu unter www.lahr.de.

Claudia List

Über die Autorin

Claudia List

Claudia List hat Journalismus und Betriebswirtschaft studiert, bei einer Tageszeitung volontiert und viele Jahre als Reiseredakteurin bei einer Wochenzeitung gearbeitet. Sie lebt in Stuttgart und schreibt als freie Journalistin in Zeitungen, Magazinen und Büchern über die erlebnis- und genussreichen Seiten Baden-Württembergs. Dabei haben es ihr besonders die Mittelgebirge im Lande angetan. Sie ist Chefredakteurin eines Magazins über die Schwäbische Alb, schreibt aber genauso gern über die spannenden Themen, die der Schwarzwald bietet: Dafür verbringt sie mit Vergnügen eine Nacht im Baumzelt, wandert durch die Landschaft, folgt den Spuren eines Dichters, trifft Winzer und andere Genusshandwerker und besucht Dorfgasthäuser.