26.07.2021

Der Westweg - ein Schwarzwaldklassiker

Auf ins Schwarzwald-Abenteuer! Er ist der Klassiker und der bekannteste Fernwanderweg im Schwarzwald: Der „Westweg“ führt auf 285 Kilometern über die schönsten Schwarzwaldhöhen, von Pforzheim im Norden bis Basel im Süden. Als „Vater“ des „Westwegs“ gilt Schwarzwaldvereins-Mitglied Philipp Bussemer, der die Tour 1900 gemeinsam mit Julius Kaufmann erstmals ausschilderte. Ein wahrer Kraftakt... 

Ein Bericht von Michael Gilg

Westweg Schwarzwald

Die rote Raute ist nicht von ungefähr das Markenzeichen des Schwarzwaldvereins – © Schwarzwald Tourismus

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Philipp Bussemer (1855-1918), ein Kaufmann aus Baden-Baden, ist nicht nur ein begeisterter, sondern auch ein sehr ausdauernder Wanderer. Den Schwarzwald hat der gebürtige Heidelberger, der 1881 durch seine Heirat in die Kurstadt kam, schon häufig durchwandert, bis er sich 1900 gemäß seinem Motto „Arbeit ist des Bürgers Zierde, Segen ist der Mühe Preis“ einer Pioniertat widmet: Im Sommer macht sich das Schwarzwaldvereins-Mitglied gemeinsam mit Kollege Julius Kaufmann auf den Weg, den Wunsch der „Höhenwegskommission“ umzusetzen – die erstmalige Ausschilderung des „Höhenwegs Pforzheim – Basel“, der heutige „Westweg“.

Mit „zäher Energie und großer Ausdauer“ gehen die beiden die Aufgabe an. Und diese Eigenschaften brauchen sie auch, denn neben der Verpflegung für den Tag tragen sie in ihren Rucksäcken auch das Material und das Werkzeug zur Ausschilderung des Wegs. Bussemer schleppt neben Schreibmaterial zudem noch seine Fotoausrüstung mit, zur damaligen Zeit ein beträchtliches zusätzliches Gewicht. Und dazu legen sie Tagesetappen zwischen 25 und 30 Kilometern zurück, viele Höhenmeter inklusive. In fünf Tagen wandern sie von Pforzheim bis Hausach, dann in ebenfalls fünf Tagen weiter bis zum Feldberg und schließlich in weiteren vier Tagen bis Basel.

750 Markierungen bringen sie insgesamt an. Erkennungszeichen des Weges ist die rote Raute auf weißem Grund, noch heute das Symbol des Schwarzwaldvereins. Anfang Dezember 1900, so schreibt Bussemer in den „Monatsblättern des Badischen Schwarzwaldvereins“, konnte die „Höhenwegskommission mit freudiger Genugtuung vom Belchen aus dem Vereinspräsidenten telegraphisch die Beendigung der Vormarkierung der Haupthöhenstrecke Pforzheim – Basel melden“. Nach dem Thüringer „Rennsteig“ ist der „Westweg“ damit der zweitälteste Fernwanderweg Deutschlands.

Für Bussemer ist damit zwar „ein schönes Stück Arbeit“ erledigt, aber abgeschlossen ist das Projekt noch nicht. Denn nun schreibt er am ersten Wanderführer zum neuen Weg, der 1902 mit einem Übersichtskärtchen erscheint. Wandern war seinerzeit reine Männersache, heutige Wandererinnen und Wanderer dürften zudem über die Einteilung der Tagesstrecken staunen: Bussemer unterscheidet zwischen „bequemen Fußgängern“ und „sehr rüstigen Fußgängern“. Während erstere 12 Tage für die Strecke benötigen und bis zu achteinviertel Stunden pro Tag wandern, meistern zweitere den Weg in acht Tagen, sind dazu aber bis zu elfeinhalb Stunden täglich unterwegs. Bussemer legt für „ebenes Gelände 10-12 Minuten für den Kilometer zugrunde, bei steigenden Wegen 15-20 Minuten“. Ganz schön sportlich!

Auf den 24 Seiten seines Wanderführers beschreibt Bussemer sehr genau die Wegeführung, er schwärmt von „prächtigen Rückblicken auf die Stadt“, „schrankenloser Fernsicht vom Schliffkopf“ und vom Sonnenaufgang auf dem Feldberg als „grandiosem Naturschauspiel“. Eine ausschmückende Reflexion über das Wandern oder den Schwarzwald als solchen liefert er nicht. Vielmehr gibt er Tipps zu Sehenswürdigkeiten und für Unterkünfte, etwa „die Kurhotels insgesamt dürfen den besten Schweizer Gasthöfen zur Seite gestellt werden“. Am Thurner in St. Märgen empfiehlt er einen Luftkur-Gasthof, „gut mit freundlicher Bedienung nach echter unverfälschter Schwarzwälder Art“. Und zur Belohnung für den durstigen Wanderer nennt er am Landwassereck im Elztal ein „Bauernhaus dicht an der Straße, in dem Flaschenbier zu haben ist“. Im Gegensatz zur Erziehungsanstalt für Missionare in Inzlingen, „in der Tee und Kaffee zu haben sind, aber keine geistigen Getränke“. Poetisch schließt er: „Wer den Weg geschafft hat, wird angesichts des herrlichen Bilds auch begeistert mit dem Dichter rufen: O Schwarzwald, o Heimat, wie bist Du schön!“

Den neuen „Höhenweg“ hält Bussemer völlig zurecht für „eine der bedeutendsten Schöpfungen des badischen Schwarzwaldvereins, dessen Wert weniger in neuen Weganlagen, da zumeist bestehende Wege benutzt wurden, als vielmehr in der vollständig durchgeführten einheitlichen Wegmarkierung liegt“. Vor der Pioniertat war Wandern in der damaligen Zeit gerade in den Höhenlagen eine echte Herausforderung, und da es oftmals noch kein zuverlässiges Kartenmaterial gab, waren sicheres Orientierungsvermögen und ein Kompass notwendig. Durch die Beschilderung ist der Weg nun auch für Touristen erschlossen und erfreut sich schnell wachsender Beliebtheit.

 

Bussemer ist der „Westweg“ zum Herzensprojekt geworden, neben der Pflege und Instandhaltung des Weges kümmert er sich mit seinen Schwarzwaldvereins-Kollegen auch um die Errichtung weiterer Fernwanderwege: 1902 folgt der „Mittelweg“, 1904 der „Ostweg“. Wie Dagmar Rumpf, stellvertretende Leiterin des Stadtarchivs Baden-Baden, herausgearbeitet hat, hält Bussemer in der Folgezeit zahlreiche Vorträge, in denen er begeistert und mitreißend vom „Westweg“ erzählt. Seine Fotografien illustrieren die „Monatsblätter des Schwarzwaldvereins“, seine Postkarten machen Baden-Baden in der Welt bekannt. Neben seinem Geschäft für Kurzwaren betreibt er seit 1885 in der Kurstadt auch das erste „Touristen-Auskunftsbureau“, verkauft seine Wanderführer und macht dabei garantiert auch Werbung für „seinen“ Fernwanderweg.

Noch immer ist der „Westweg“ ein lohnendes Wander-Abenteuer mit seiner teils recht anspruchsvollen Streckenführung durch die abwechslungsreiche Natur- und Kulturlandschaft des Schwarzwaldes. Der längste der drei Schwarzwald-Längswege wurde 2006 behutsam den Bedürfnissen moderner Wanderer angepasst, teilweise verlegt und zum „Qualitätsweg Wanderbares Deutschland“ umgestaltet. Er zählt zu den „Top Trails of Germany“, den besten Fernwanderwegen Deutschlands. Wer sich selbst auf die Spuren der Abenteurer Bussemer und Kaufmann machen, aber dabei entspannter wandern möchte, findet mehrtägige Pauschalangebote mit Gepäcktransfer und alle Infos zur Tour unter Tel. 0761.896460, www.westweg.info.

Und wie es sich für Legenden gehört, kommt der „Westweg“ auch auf die große Leinwand: Naturfilmer Marco Ruppert aus Ettlingen dreht seit 2019 die Naturdokumentation „WildWestwegs“, die im Februar 2023 ins Kino kommen soll. Infos unter www.ruppertfilm.de

Über den Autor

Michael Gilg

Der Redakteur der Schwarzwald Tourismus GmbH versucht sich seit ein paar Jahren daran, das riesige Wegenetz im Schwarzwald - meist in seiner Freizeit - zu durchwandern. Kurz gesagt: Ganz durch ist er damit noch nicht...
Was er besonders liebt: Auf den Streifzügen eintauchen in die Geschichte, Tradition und Kulinarik der jeweiligen Region. Ins Gespräch kommen und immer wieder staunen, welch tolle Geschichten die Schwarzwälderinnen und Schwarzwälder zu erzählen haben.