Christl Schlag beim Armbad in der Kneippanlage Monbachtal – © Claudia List
Kneippen im Schwarzwald
Die Kneipp-Anlage liegt im Monbachtal in der Nähe von Bad Liebenzell im Grünen. Das kleine Bächlein schlängelt sich zwischen Büschen durch die Landschaft im nördlichen Schwarzwald. Ein Spazierweg führt zum Wasserbecken, das in der Sonne glitzert. Eine Bank gehört dazu, auf der Besucher Platz nehmen und ihre Schuhe ausziehen können. Dann geht’s hinein ins Wasser, das bis zu den Knien reicht und sich zunächst gar nicht so kalt anfühlt.
Langsam wie ein Storch soll man voranschreiten und das Bein samt Fuß stets ganz aus dem Wasser heben. Mit jedem Schritt scheint die Temperatur zu sinken und am Ende zwickt die Kälte ordentlich in den Waden. Doch sobald anschließend das Wasser abgestreift ist und Socken und Schuhe angezogen sind, breitet sich ein wohlig warmes Gefühl aus. Und obwohl man sich nicht abgetrocknet hat, sind die Socken nicht nass.
Dafür sorgt das zirkulierende Blut, wie Christl Schlag erklärt, Vorsitzende des „Kneipp-Vereins Calw & Umgebung“. „Erst ziehen sich die Gefäße durch die Kälte zusammen. Sobald man wieder aus dem Wasser draußen ist, wird die Venenpumpe aktiviert: Das Blut strömt in die Beine und die Gefäße gehen wieder auf“, sagt sie. „Das wärmt die Füße, außerdem beruhigt es und bringt uns in die Balance.“
Das Wassertreten soll sich deshalb hervorragend eignen, um abends zur Ruhe zu kommen. Christl Schlag, Kneipp-Gesundheitstrainerin, erklärt die Faustregel: „Die Anhänger der Kneippschen Lehre teilen am Bauchnabel: Das heißt, Kälte unterhalb des Bauchnabels wirkt beruhigend. Das Armbad hingegen ist die kleine Tasse Kaffee des Kneippianers.“ Wer also einen Durchhänger bei der Arbeit hat, kann sich statt Kaffee mit kaltem Wasser behelfen.
Auch für das Armbad gibt es in der Kneipp-Anlage im Monbachtal ein Becken: Abwechselnd taucht man den rechten und den linken Arm ins kühle Wasser – und zwar inklusive der Oberarme, wie die Expertin rät. „Sogar mit dem Gesicht kann man ins Becken“, erklärt Christl Schlag, streicht sich die blonden Haare aus dem Gesicht und taucht ab. Am Ende nimmt sie noch ein wenig kaltes Wasser in ihre hohle Hand und schüttet es sich in den Nacken: „Wenn man kein Wasserbecken hat, hilft auch das, um wieder munter zu werden.“
Christl Schlag hat ihre Ausbildung in Bad Wörishofen gemacht, wo sowohl die Kneipp-Akademie als auch der Kneipp-Bund beheimatet sind. Dort verbrachte Sebastian Kneipp (1821–1897) den Großteil seines Lebens. Noch während seines Theologiestudiums erkrankte er an Tuberkulose. Nachdem er auf ein Buch über die Heilkraft des frischen Wassers von Johann Siegmund Hahn gestoßen war, nahm er Vollbäder im kalten Wasser der Donau. Offensichtlich wurde er wieder gesund und blieb fortan bei seinen Wasseranwendungen. 1855 kam er als Geistlicher ins Dominikanerinnenkloster nach Bad Wörishofen. „Als er zu den Menschen gerufen wurde, um ihnen den letzten Segen zu geben, ließ er Schachtelhalmtee, Kräuter oder Wasser bringen – und so mancher Patient wurde wieder gesund“, erzählt Christl Schlag.
Viele Mediziner waren skeptisch, doch Kneipp gewann an Ansehen und Einfluss und behandelte sogar Päpste. „Er zählte schon zu seinen Lebzeiten zu den berühmtesten Männern der Welt“, sagt Doris Fritz, stellvertretende Landesvorsitzende des Kneipp-Bunds in Baden-Württemberg. In ganz Deutschland gibt es heute 1200 Vereine, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Kneippsche Lehre zu verbreiten, die seit 2015 zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO gehört.
Einige Vereine haben eine lange Geschichte, die bis 1896 zurückreicht, wie in Achern und Schramberg. Der Kneipp-Verein Villingen/Königsfeld besteht sogar seit 1894. „Manche wurden gegründet, gleich nachdem Sebastian Kneipp zu einem Vortrag im Ort war“, erklärt Doris Fritz. Erst vor wenigen Jahren hingegen hat Christl Schlag den „Kneipp-Verein Calw & Umgebung“ mit einigen Gleichgesinnten gegründet. Jeder hat dabei sein Spezialgebiet: Christl Schlag ist Kneipp-Gesundheitstrainerin, aber auch Übungsleiterin für Breitensport und ganzheitliche Augentrainerin. Friedrich Böckle, Apotheker in Bad Liebenzell, bietet Spaziergänge durch seinen Heilpflanzengarten an. Elke Melchger ist Heilpraktikerin, Kneipp-Gesundheitstrainerin und veranstaltet „Fünf-Elemente-Wanderungen“. Sigrid Weiß, Mitte 80 und begeisterte Kneippianerin, versammelt regelmäßig Interessierte zu einem geselligen Nachmittag mit Wassertreten.
Die Bereiche sind vielfältig, aber die Wasseranwendungen, die Kneipp berühmt gemacht haben, bilden auch nur eine der fünf Säulen seines Konzepts. Weitere Säulen sind die Ernährung, die Heilpflanzen und die Bewegung – „am besten barfuß, dann kann man sich gut erden“, sagt Christl Schlag. Als fünfte Säule nennt sie die Lebensordnung: „Erst wenn die innere Ordnung erreicht ist, können die anderen Maßnahmen Erfolg haben“, erklärt sie weiter, „davon war Kneipp überzeugt.“ Dabei geht es um die Balance zwischen den Anforderungen von außen und den Kräften der Menschen, mit denen sie ihre Gesundheit erhalten oder wiederherstellen. Je nach Verein werden dazu Yoga-, Tai Chi- und andere Kurse angeboten.
Für Christl Schlag ist der ganzheitliche Ansatz überzeugend – und es erfüllt sie, ihr Wissen weiterzugeben. Doch wie viele andere Vereine haben auch die Kneippianer mit Nachwuchssorgen zu kämpfen. „Vielleicht verpacken wir manches zu altmodisch“, überlegt Doris Fritz. Die Menschen seien heute bereit, für Gesundheitsseminare sehr viel Geld zu zahlen. „Vielleicht ist es ein Problem, dass bei uns vieles nichts kostet – und manche glauben, was kostenlos ist, kann auch nichts wert sein.“
Ein Trugschluss für Doris Fritz, die die Lehre von Kneipp als sehr modern empfindet: „Viele junge Eltern heutzutage achten auf gesunde Ernährung und interessieren sich für natürliche Heilkräfte.“ Es gibt Kneipp-Kindergärten, in denen auf gesundes Essen geachtet wird und in denen die Kleinen von Anfang an mit den Anwendungen vertraut gemacht werden. „Die treten im Winter auch mal barfuß durch einen Kübel voller Schnee“, sagt Doris Fritz. Und nicht nur hierzulande interessiert man sich mehr als 125 Jahre nach seinem Tod für Kneipp: „Bei unserem Bundesverband sind schon Anfragen aus den baltischen Staaten und sogar aus Südkorea eingegangen.“
Kneippen im Schwarzwald
Vereine: Die Veranstaltungen des Kneipp-Vereins „Calw & Umgebung“ sowie eine Übersicht der Kneipp-Anlagen im Monbachtal und an anderen Orten des Landkreises findet man auf www.kneipp-verein-calw.de. Zu weiteren Kneipp-Vereinen im Schwarzwald und ihren Angeboten gelangt man über den Landesverband: www.kneippbund-bw.de
Kneipp-Anlagen: Viele Orte im Schwarzwald bieten solche Anlagen an, am besten erkundigt man sich bei den jeweiligen Tourist-Informationen. Es gibt außerdem eine kostenlose App „Kneipp-Anlagen“ des Kneippbundes, in der Anlagen in ganz Deutschland angezeigt werden (im App-Store).
Staatlich anerkannte Kneippheilbäder und -kurorte: Im Schwarzwald gehören Schömberg, Königsfeld, Bad Dürrheim und St. Blasien dazu: www.wellness-schwarzwald.info
Wanderungen: Spezielle Touren, die über die Kneippsche Lehre informieren und zu Kneipp-Anlagen führen, gibt es unter anderem in Wieden in der Region Belchen, in Bad Herrenalb im Nordschwarzwald und in Zell am Harmersbach im mittleren Schwarzwald.