Gäste genießen die Aussicht am Euting-Grab

Zahlreiche Gäste genießen jährlich die Aussicht– und den dampfenden Mokka an der Grabstätte von Julius Euting am Ruhestein. – © Andreas Steidel

Mokka am Ruhestein

von Andreas Steidel

Alljährlich am 11. Juli wird mitten im Nationalpark Schwarzwald arabischer Mokka ausgeschenkt. Ein illustres Ereignis zu Ehren eines Schwarzwald- und Orientpioniers namens Julius Euting (1839-1913), der am Ruhestein bei Baiersbronn seine letzte Ruhestätte fand.
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Der Kaffee dampft. Aus einer großen Schnabelkanne, erstanden auf einem Markt im Orient, schenkt Ulrich Notz arabischen Mokka aus. Ein Tässchen nach dem andern wechselt den Besitzer, die Nachfrage ist groß, ein starker Kaffee, dreifach aufgebrüht, tut selbst in der größten Hitze dem Gaumen gut.

Weit über 100 Gäste drängen sich am Wildseeblick im Nationalpark Schwarzwald. Sie genießen die Aussicht und das ungewöhnliche Catering, das sie hier auf rund 1000 Höhenmetern erwartet. Arabischer Mokka am Ruhestein, im Gedenken an einen, der sich hier 1913, mitten in der Schwarzwald-Wildnis, mit königlicher Ausnahmegenehmigung bestatten ließ: Professor Julius Euting, Orientforscher, Straßburger Bibliothekar und passionierter Ruhestein-Wanderer.

Es war der Vater von Ulrich Notz, der die zugewucherte Grabstelle 1980 freilegte. Der Freudenstädter hatte den verwitterten Stein bei Wanderungen entdeckt und seine Schwarzwaldverein-Ortsgruppe animiert, ihn wieder instand zu setzen. Hermann Notz betrieb dabei mehr als nur Grabpflege: Nach rund 70 Jahren, in denen Julius Euting mehr und mehr in Vergessenheit geraten war, machte er auch seine Lebensgeschichte wieder publik.

1983 erschien eine Druckschrift, in der Hermann Notz die vielen Facetten Eutings aufzeigte. Sie macht auch unter den Mokka-Trinkern im Nationalpark die Runde. Die 2004 gegründete Julius-Euting-Gesellschaft hat die Lebensbeschreibung neu aufgelegt. Sie lädt auch zu den alljährlichen Kaffeerunden mit Wildseeblick ein, immer am Geburtstag Eutings, so wie er es testamentarisch verfügt hatte.

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Er war in jeder Hinsicht ein außergewöhnlicher Mensch: Am 11. Juli 1839 in Stuttgart geboren, sollte er eigentlich evangelischer Pfarrer werden. Euting besuchte das Seminar in Blaubeuren und das Stift in Tübingen. In Tübingen entdeckte er dann die Orientalistik für sich, seine Liebe zu den semitischen Sprachen und den Inschriften aus dem arabischen Raum. So wurde er Bibliothekar statt Seelsorger.

Der Krieg mit Frankreich 1870/71 machte das Elsass zu einem Stück Deutschland. Für Euting eine wichtige Veränderung, schon im Juli 1871 wechselte er an die Universitätsbibliothek nach Straßburg, um die orientalischen Bestände aufzufrischen. 1880 stieg er dort zum Professor auf und übernahm schließlich im Jahre 1900 die Leitung der Straßburger Bibliothek.

Da war er längst eine Berühmtheit. Denn Euting verkroch sich nicht in der Studierstube, sondern ging hinaus in die Welt – in die arabische Welt, um es genau zu sagen. Einer Forschungsreise nach der anderen schloss sich der kleine Mann an, der gerade mal 1,54 Meter maß und in seinem Lodenmäntelchen einigermaßen skurril aussah.

Mit großem Vergnügen liest Doris Notz, Ehefrau von Ulrich Notz, den Gästen am Ruhestein Anekdoten aus dem Büchlein ihres Schwiegervaters vor. Den Schalk hatte Euting im Nacken und pflegte Nachfragen, was er im Orient mache, gerne mit dem Satz zu beantworten: „Steine abkratzen“.

Das entsprach durchaus der Wahrheit, denn tatsächlich hatte er eine Papiertechnik entwickelt, mit der er Inschriften abpausen konnte. Er tat es, umgeben von verwundert dreinblickenden Beduinen. Auf Kamelen ritten sie durch die Wüste, Euting im selben Orientgewand wie seine Begleiter.

Auch in seinen Gewohnheiten wurde er immer arabischer: Er rauchte Wasserpfeife und trank Unmengen Mokka-Kaffee, den Alkoholkonsum hingegen verurteilte er aufs Schärfste. Immer wieder gerieten sie in brenzlige Situationen, einmal kam es zu einem Feuergefecht mit einer Räuberbande, bei der zwei Angreifer erschossen wurden.

Vielleicht waren es auch die Strapazen dieser sengend heißen Orientreisen, die ihn die Sommerfrische im Schwarzwald und den Vogesen so schätzen ließen. Wann immer er Zeit hatte, brach er von Straßburg dorthin auf. Dabei entdeckte er auch bald den Ruhestein für sich. Es war eine unerschlossene Wildnis, gut beschilderte Wanderwege, wie heute im Nationalpark, gab es damals noch nicht.

Also ging er selbst ans Werk. Seine „Spezialkarte“ vom Ruhestein aus dem Jahre 1870 war eine der ersten Wanderkarten überhaupt im Schwarzwald, auch deswegen hat man Euting oft als „Vater des Ruhesteins“ bezeichnet. 1872 wurde er zum Mitbegründer der Sektion Straßburg im Vogesen-Club, später übernahm er die Leitung des Gesamtvorstands. Anfang des 20. Jahrhunderts saß er dem Verband Deutscher Touristen-Vereine vor – ein Pionier auch im eigenen Land, der die Erschließung der Landschaft für den Fremdenverkehr vorantrieb.

Seine Grabstätte hatte er schon früh ausgesucht. Auf dem Ruhestein, an seinem Lieblingsplatz mit Blick auf den Wildsee, wollte er bestattet sein. Bereits acht Jahre vor seinem Tod, 1905, begann er mit der Einfriedung. Er machte es sich zum Spaß, dort schon zu Lebzeiten zu verweilen – und verblüfften Wanderern, die sich beim Vorbeigehen fragten, wer hier wohl seine letzte Ruhestätte habe, zu antworten: „Na ich.“

Am 2. Januar 1913 starb er 73-jährig dann wirklich. Dabei hatte er eine Stiftung hinterlassen mit der Maßgabe, dass immer an seinem Geburtstag am 11. Juli an seiner Grabstätte heißer Mokka auszuschenken sei. Das passierte genau einmal, in seinem Todesjahr 1913: Danach ging die Stiftung in den Wirren des Ersten Weltkriegs unter.

Erst der Tübinger Wissenschaftler Andreas Reichert griff das Ganze in den 1990er-Jahren wieder auf. Unter den Gästen war auch die Familie Notz. Beide, Notz und Reichert, gehörten 2004 zu den Gründern der Julius-Euting-Gesellschaft. Die hat sich der Publikation, Bewahrung und Belebung seines Werkes verschrieben – und eben der Ausrichtung der Kaffeestunden auf dem Ruhestein alljährlich zum Geburtstag.

Zwischenzeitlich kommen Hunderte dorthin: Wanderer, Frankophile, Arabienforscher, Kirchenleute, Touristiker und Vertreter der Nationalparkverwaltung.

Euting hatte keine Nachkommen und war zeitlebens Junggeselle. Ein Mann ohne eigene Familie – oder doch nicht? „Wir sind seine Familie“, sagt Regine Hunziker-Rodewald mit einem Lächeln, eine Theologieprofessorin aus Straßburg, die der Euting-Gesellschaft seit 2017 vorsitzt.

Dank eines guten Mokkas auf dem Ruhestein ist der Name Euting heute wieder ein Begriff. Wäre er selbst noch am Leben, hätte er sich garantiert mehrfach nachschenken lassen, um sich dann gestärkt auf den Weg zu machen – durch den Schwarzwald, die Vogesen oder den Orient. 

 

Information

Beim Mokka-Trinken am Euting-Grab auf dem Ruhestein ist jeder willkommen, eine Anmeldung nicht erforderlich. Das Euting-Grab liegt direkt am Westweg. Vom Parkplatz am Nationalparkzentrum ist es etwa eine halbe Stunde zu Fuß, es gibt auch eine Seilbahn:  www.juliuseuting.de, www.nationalpark-schwarzwald.de