Das Haus Hederle in Elzach-Oberprechtal – © Claudia List
Historisches Bauwerk wird zum Hingucker
Mit lautem Knarzen schwingt die Tür zur Wohnstube auf. Der Raum ist nur etwa 1,80 Meter hoch. Auch wenn man kleiner ist, so zieht doch jeder, der hineintritt, unwillkürlich den Kopf ein angesichts der niedrigen Holzdecke.
Draußen liegen die Wolken überm Tal und seinen taunassen Wiesen, auf denen Kühe weiden. Drinnen gibt der Kachelofen eine wohlige Wärme ab. Unter dem Fensterband zieht sich die Holzbank bis ans andere Ende des Raums und unter den Herrgottswinkel. Auf dem Esstisch stehen neben Blumen auch bunte Tassen und Teller von der Keramikmanufaktur in Zell am Harmersbach. In diesem Haus bei Oberprechtal im Schwarzwald ist die Liebe zum Detail spürbar.
Vor sieben Jahren sah es darin noch anders aus. Der letzte Besitzer galt als sparsam und hat am Gebäude höchstens mal was ausgebessert. Nach seinem Tod machten sich neugierige Menschen auf die Suche nach seinen Ersparnissen. „Das ganze Haus war verwüstet, alles war herausgerissen, Vorhänge hingen in Fetzen, es gab Mäuse, Ungeziefer und viel Dreck“, beschreibt Constanze Freudenberger ihre ersten Eindrücke. Manch gruselige Entdeckung wartete, „zum Beispiel die Schweinebacke, die oben im Zimmer hing.“
Ein „Lost Place“, für den sie und ihr Mann Christoph sich dennoch begeisterten. Bei der Zwangsversteigerung des Häuschens aus dem 18. Jahrhundert erhielten sie den Zuschlag. Sie waren schon lange auf der Suche nach einem solchen Kulturdenkmal. „Viele sind schon abgerissen oder verschandelt worden“, klagt Christoph Freudenberger, „dabei prägen diese Häuser das Gesicht des Schwarzwalds und sie müssen erhalten werden.“
Nach dem Kauf ließ das Ehepaar das Haus zunächst unter Denkmalschutz stellen. Constanze Freudenberger kommt als ehemalige Kinderärztin aus einem anderen Beruf. Auch Christoph Freudenberger hat ursprünglich Schlosser und später Industriekaufmann gelernt. Doch schon lange Zeit hatte er sich Fachkenntnisse angeeignet, mit historischen Baustoffen gehandelt und sogar eigens den „Unternehmerverband historische Baustoffe“ gegründet. „Wenn ich weiß, dass ein Zimmermann vor 300 Jahren einen Balken geschlagen hat, kann ich den doch nicht einfach wegwerfen!“, erklärt er.
Das Haus „Hederle“ war dann auch schon sein fünftes historisches Bauwerk, das er umfassend renoviert hat. Der Name geht dabei zurück auf einen Erbstreit zwischen zwei Brüdern. Sie haderten miteinander, bis sie sich unter anderem mit dem Bau eines weiteren Hauses einig wurden. Deshalb wurde es von den Leuten „Häderle“ genannt, später wurde „Hederle“ daraus.
Zunächst gingen Freudenbergers ans Ausmisten, aber alles Erhaltenswerte wurde bewahrt. Dazu gehören zwei Holzbetten, die nur 1,80 Meter lang waren. Um sie für heutige Gäste bequemer zu machen, hat Christoph Freudenberger ein kleines, unauffälliges Holzstück eingezogen und sie damit um zehn Zentimeter verlängert. Der Löscheimer aus Leder dient heute als Schirmständer. Trachtenhauben, die vor vielen Jahrzehnten hier im Haus gefertigt wurden, sind heute Dekoration. Auf dem Fensterbrett liegt ein handgefertigter Schuhlöffel aus Metall, den einer der Vorbesitzer angefertigt hat.
Im Haus mit seinen vier Schlafräumen und den beiden Wohnstuben entdecken Gäste viele solcher Details. Und in jedem Zimmer gibt es ein kleines Foto, das zeigt, wie der Raum früher ausgesehen hat. Inzwischen ist alles sauber, die Wände sind gereinigt und mit Leinölfarbe gestrichen – entsprechend der früheren Farben. Hier und da lugt aber noch ein kleines Stück der einstigen Tapete zur Erinnerung hervor.
Die elektrischen Leitungen, die zu den schwarzen Drehschaltern verlaufen, liegen wie in früheren Zeiten über den Holzwänden. Das Ehepaar hat versucht, in allen Dingen so nah wie möglich am Original zu bleiben – die Bäder ausgenommen: Früher gab es im ganzen Haus gar keines, sondern nur ein Plumpsklo und einen Wasserhahn in der Küche, an dem sich der Besitzer auch gewaschen hat. Inzwischen gibt es zwei Bäder mit allem Komfort und die Duschkabine ist rundum verglast, damit die dahinterliegende Holzwand auch zu sehen ist.
In der Küche mit dem alten Spülstein steht im Schrank zwar eine elektrische Herdplatte für alle, die nicht mit dem Holzherd kochen wollen. Doch eigentlich geht es vielen Besuchern genau darum: Mal aus der hektischen Zeit zu fallen, in die Vergangenheit zu reisen, den Herd mit Holz anzuheizen und morgens für den ersten Kaffee erst einmal ein Feuer zu entzünden.
Im ehemaligen Stall haben die neuen Besitzer eine Sauna eingerichtet. An schönen Tagen können die Gäste auch draußen im kleinen, von einem Holzzaun umgebenen Garten sitzen. In den Trog in seiner Mitte sprudelt beständig das Wasser der hauseigenen Quelle. „Das war die reinste Wildnis hier“, beschreibt Constanze Freudenberger das Gelände rund ums Haus. Das ehemalige Bienenhaus wurde zum kleinen Gartenhäuschen. In der Scheune hat Christoph Freudenberger eine Werkstatt für die Arbeiten eingerichtet. Seine Frau träumt davon, irgendwann eine Spielscheune daraus zu machen. Die historischen Spielsachen dafür hat sie schon gesammelt.
2023 war ihr Schmuckstück so weit fertig, dass es an Urlauber vermietet werden konnte. „Ahs“ und „Ohs“ gab es nicht nur von Gästen, das Haus wurde auch mehrfach ausgezeichnet. Zunächst vom Verein Bauwerk Schwarzwald, der es auch in seine Architekturroute aufgenommen hat. Besonders gefreut hat sich Christoph Freudenberger über den Innovationspreis Tourismus, mit dem die Touristik Marketing GmbH Baden-Württemberg das Haus auf der Touristikmesse CMT 2025 in Stuttgart ausgezeichnet hat. Vor 30 Jahren hat er zum ersten Mal vom „Landmark Trust“ in Großbritannien gelesen, einer Stiftung, die Denkmäler restauriert und als Feriendomizile vermietet. „Genau das schwebte mir schon damals auch für uns hier vor“, erzählt Freudenberger. Doch niemand wollte etwas davon wissen. Das hat sich inzwischen geändert, „deshalb habe ich mich über diese Auszeichnung besonders gefreut.“ Und auch das gehört zu seinen Zielen, die er mit dem Haus verfolgt: Ein Vorbild zu sein für andere, die es ihm vielleicht nachtun – damit nicht noch mehr historische Häuser verschwinden.
Ein weiteres Projekt soll es aber nicht mehr geben, dazu hat das „Hederle“ die beiden Mittsiebziger genug gefordert – und es ist auch noch nicht fertig: Als nächstes wird das Backhäuschen saniert. Dabei ist das Haus längst sehr gut gebucht und hat seine Fans. Es verlangt zwar, dass man sich darauf einlässt und sich an die niedrigen Decken und die noch niedrigeren Türstürze gewöhnt. „Ich hatte aber schon Männer hier“, erzählt Christoph Freudenberger, „die mit angeschlagenem Kopf gleich den nächsten Aufenthalt gebucht haben.“
Ferien im Baudenkmal
Das „Hederle“ liegt in Oberprechtal, einem Stadtteil von Elzach im Landkreis Emmendingen. Üblicherweise wird es wochenweise vermietet und bietet Platz für bis zu acht Personen:
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