Blick von außen auf das (ehemalige) Grandhotel Waldlust in Freudenstadt – © Jigal Fichtner/#heimat Schwarzwald
Der morbide Charme der Vergangenheit
An einer Kaffeetafel im Ballsaal sitzen Menschen mit den Kostümen der Biedermeierzeit. Andere haben sich in die Garderobe der 1920er-Jahre geworfen. In schöner Abwechslung unterhält sie ein singender Oberkellner namens Leopold, der ein wenig an Max Raabe erinnert, sowie ein schwarz gekleideter Pianist, der aussieht, als ob er einer Dracula-Verfilmung entsprungen wäre.
Besuchertage im ehemaligen Luxushotel Waldlust in Freudenstadt sind Großereignisse. Zu Hunderten strömen die Menschen dorthin und tauchen auf ihre jeweils eigene Art und Weise in die Vergangenheit ein. Ein herrlicher Ort, um sich in eine andere Welt zu träumen, in einem Gebäue, das ebenso nostalgisch wie zuweilen gespenstisch wirkt.
Die letzten Pächter haben das Haus 2005 in einem katastrophalen Zustand hinterlassen. Den einst prächtigen Jugendstil kleisterten sie stümperhaft zu, die mondänen Zimmer modernisierten sie mit völlig ungeeigneten Mitteln. Eine Bausünde findet sich hier neben der anderen.
Doch zwischendrin lugt die Vergangenheit hervor: Der große stuckverzierte Ballsaal aus den 1920er-Jahren blieb fast komplett erhalten. Der gusseiserne Aufzug hat ebenfalls die Zeiten überdauert, ebenso wie mehrere Bäder aus der großen Zeit der Waldlust-Hotellerie. Und ganz behutsam haben die Denkmalfreunde Waldlust das eine oder andere Jugendstil-Juwel wieder freigelegt, etwa am blattgoldverzierten Eingangsportal.
Im Jahre 2019 wurde der Verein „Denkmalfreunde Waldlust e.V.“ gegründet. Er widmet sich der Erhaltung des einstigen Hotelprachtbaus und arbeitet an einem Zukunftskonzept. Aus dem „Lost Place“ soll ein Ort der Kunst und Kultur werden, mit ein paar Zimmern in seiner Mitte, in denen man auch übernachten kann.
Zu Spitzenzeiten logierten hier hunderte von Gästen. 1902 hatte der Hotelier Ernst Luz eine kleine Villa am Rande von Freudenstadt in eine Luxusherberge mit 80 Zimmern verwandelt. Es war der Anfang einer großen Fremdenverkehrsgeschichte, die 1879 mit dem Anschluss der Stadt an die Gäubahn begonnen hatte. Seitdem strömten die Besucher aus nah und fern in Scharen hierher.
Bald waren große Namen darunter: Der König von Schweden Gustav V. und Hollywoodschauspieler wie Douglas Fairbanks und Mary Pickford, sie alle residierten in der Waldlust, zusammen mit zahlreichen Vertretern aus dem europäischen Hoch- und Geldadel. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte die Familie Luz noch einmal kräftig investiert, in ein Haus, das jetzt 140 Zimmer, 60 Privatbäder und 100 Liegebalkone hatte. Auch der mondäne Ballsaal stammt aus dieser glorreichen Zeit.
Nach einer kriegsbedingten Pause zwischen 1939 und 1945 konnte die Waldlust in den 1950er- und 1960er-Jahren noch einmal an ihre einst großen Zeiten anknüpfen. Das Wirtschaftswunder brachte erneut viele Gäste in das herrlich gelegene Haus am Fuße des Kienbergs.
1974 starb die letzte Eigentümerin aus der Luz-Dynastie. Danach wechselte die Immobilie mehrfach den Besitzer. Immer wieder neue Pächter versuchten ihr Glück, ohne Erfolg. Die Urlaubsgewohnheiten der Menschen hatten sich geändert, die Aufenthaltsdauer wurde kürzer, die Vorstellungen von dem, was Luxus ist, anders. Die Betreiber der Waldlust hatten darauf keine Antworten mehr.
2005 war dann endgültig Schluss. Zum Glück erkannte der Denkmalverein Freudenstadt schon ein Jahr später, welches Juwel des Jugendstils hier gerade im Niedergang begriffen war. Sie starteten erste Rettungsversuche, aus ihren Reihen gingen schließlich die „Denkmalfreunde Waldlust“ hervor, die sich seither ganz und gar der historischen Hotelimmobilie widmen.
Die übte schon bald eine eigentümliche Faszination auf Besucher aus. Das hat viel mit dem Kult um sogenannte Lost Places zu tun, verlassene Orte, die einen ganz eigenen morbiden Charme ausstrahlen. Genährt wurde das Ganze von allerlei Gespenstergeschichten, die auch in der Waldlust aufkamen: So soll eine Hotelbtreiberin Ende der Vierzigerjahre in einem der Zimmer ermordet worden sein. Ihr Geist spukt angeblich noch heute im Haus herum.
Beides ist blanker Unsinn, aber man glaubt ja bekanntlich, was man glauben will. So fand 2020 auch ein Horror-Camp mit Jens Knossalla und dem Rapper Sido hier statt. Und erst kürzlich diente die Location als düsterer Drehort für einen Schwarzwald-Tatort.
Die Denkmalfreunde haben freilich andere Pläne mit dem Haus. Schon jetzt öffnen sie es für regelmäßige Besucherführungen, bieten Fototouren an und laden zu Tagen der offenen Tür ein. Was ebenfalls schon stattfindet, sind Konzerte: Fast jedes Wochenende bekommt man im Ballsaal Musik zu hören, mal ein bisschen swingig, mal ein bisschen jazzig, mal mit lateinamerikanischen Tango-Klängen.
Das alles soll weiter ausgebaut werden. „Als Experimentierfläche für Kunst und Kultur“, sieht Matthias Jarcke, Vorsitzender der „Denkmalfreunde“, das einstige Grandhotel. Erst kürzlich dienten Park und Gebäude als Ausstellungsfläche für Studierende der Kunstakademie Stuttgart.
Was endgültig vom Tisch ist, sind die Pläne, das Gebäude in ein Luxushotel zurückzuverwandeln. Schätzungen zufolge müssten dafür rund 40 Millionen Euro aufgebracht werden, doch wer will die dort investieren? Allerhöchstens ein paar einfachere Gästezimmer für Seminare kann sich Matthias Jarcke vorstellen, dessen Verein derzeit mit den Eigentümern über eine endgültige Übernahme der Immobilie samt ihrem 14.000 Quadratmeter großen Garten verhandelt.
Ein weiterer Plan ist die Umwandlung der legendären „Zwitscherstube“ in einen kleinen Kunst- und Kulturraum. Die „Zwitscherstube“ im Untergeschoss der Waldlust war einst der begehrteste Tanz- und Partyclub der Stadt, bei Führungen bekommt manch alter Freudenstädter feuchte Augen, wenn davon erzählt wird.
Informationen
Jeden Mittwoch um 10 Uhr findet eine kostenlose Führung durch das Hotel Waldlust in Freudenstadt statt. Es gibt auch spezielle Fototouren, Besuchertage und zahlreiche Konzertevents. Mehr unter www.waldlust-denkmal.de