Elmar Langenbacher bei der Weinlese im Weingut Männle in Durbach – © Maxi Höck/Schwarzwald Tourismus
Aushilfswinzer mit Wissensdurst
Der Schwarzwald steht nicht nur für hohe Tannen und rauschende Bächlein, sondern auch für die sonnendurchfluteten Weinberge entlang der Badischen Weinstraße am Westrand der Ferienregion. Habe ich vor einigen Jahren den Kappelrodecker Winzern im Achertal nur dabei zugeschaut, wie sie am „Dasenstein“ ihre berühmte „Hex“ geerntet, also gelesen haben, so will ich es dieses Jahr genau wissen. Deshalb finde ich mich mit „Schaffklamotten“, wie man im Badischen sagt, in Durbach ein. Beim bekannten „Rotwein-Männle“, hoch oben, wo die Sonne sehr lange hin strahlt: Die Trauben danken es, die Morgenwärme saugt die Tautropfen von den Trauben. In den letzten Tagen hat sie die Oechsle nochmal so richtig in die Höhe getrieben, nun wird es Zeit fürs „Herbsten“.
Majestätisch thront das Schloss Staufenberg aus dem 11. Jahrhundert auf der anderen Seite des Durbachtals – dort, wo der Markgraf von Baden seinen Wein anbaut. Fast schon ein Neubau, wenn man bedenkt, dass die Tradition des Weinbaus in Durbach über 1300 Jahre zurückgeht, auf ein Rebgut, bewirtschaftet vom Kloster Gengenbach. Die Familie rund um Heinrich Männle kann da gut mithalten – ihr Weingut ist seit 1456 in der Familie und damit eines der ältesten Weingüter in Baden.
Im Anbau von Rotwein hat Heinrich Männle viel experimentiert, unzählige Auszeichnungen sowie Listungen in den Häusern und Veranstaltungen dieser Welt sind sein Applaus. Hält offensichtlich fit, denn Heinrich Männle (Jahrgang 1933) feiert in diesem Jahr seinen 93. Geburtstag, seine Frau Wilhelmine (Wilma) hat die 90 ebenfalls überschritten. Die Arbeit in den Weinbergen überlässt er mittlerweile aber seiner Tochter Sylvia Männle und dem Enkel Max Männle, der 22. und 23. Generation also. Und weil die Weinberge groß und die Trauben dieses Jahr sehr zahlreich sind, sind die Männles über fleißige Helfer immer dankbar. Also auch über mich, den Aushilfswinzer mit Wissensdurst (und nicht nur den).
Die noch recht frühe Morgensonne taucht die Weinberge in ein goldenes Licht, das Schloss strahlt erhaben. Die Luft ist so unglaublich frisch, es duftet schon nach Herbst. „Die Rebschere niemals in die Wanne legen, wenn die Schere später in die Abbeermaschine käme, dann ist die kaputt“, erklärt mir Sylvia Männle. Erste Lektion. „Wenn an der Traubenrispe mal faule Trauben dran sind, durch den Regen zum Beispiel, dann diese mit der Schere rausmachen, bevor du die guten Trauben in die Wanne machst.“ Lektion 2. „Wenn du dran riechst, merkst du, dass es säuerlich ist, das würde auf Kosten der Qualität gehen. Das Aussortieren unterscheidet uns vom Vollernter,“ sagt mit einem Augenzwinkern die Chefin des Familienweinguts.
Was das „Herbsten“ bei den Männles sonst noch besonders macht, merke ich schnell: Steillagen für mehr Sonne. Und für mehr Arbeit. Alles Handarbeit, nix Vollernter. Trauben in die Hand nehmen, begutachten, mit der Schere abzwicken, in die Wanne legen. Mit sicherem Stand am steilen Hang. Wie viele Trauben mögen die Weinberge haben? Hunderttausend? Eine Million? Ich fange an, die Rispen in der Reihe zu zählen, will schätzen, als Sylvia mir freundlich, aber bestimmt erklärt, dass ich doch zum Arbeiten da bin. Also Schere in die Hand, begutachten, abzwicken. Dann kommt die nächste Lektion: Die anderen haben so einen Haken, mit dem sie die Wanne, in der die geernteten Trauben liegen, mit sich ziehen. Immerhin stets bergabwärts. Ich hatte gemeint, brauche ich nicht, geht auch so. Wenn sie voll ist, eben nicht mehr. Man(n) ist nie zu alt, um was dazuzulernen.
So nebenbei ist das auch ein Ausflug in das Wissen über Wein, wir ernten Grauburgunder, auch Ruländer genannt. Die Trauben sind nicht so dunkel wie beim Spätburgunder-Rotwein, manchmal sind sogar hellgelbgrüne darunter, das ist aber ok. Das Schöne am „Herbsten“ ist für mich: Die Luxusprobleme im Kopf verschwinden, man ist ganz bei sich selbst und bei der Arbeit, die Sonne und die gute Luft tun ihr Übriges.
Ist die Wanne voll, wird sie mit dem Haken über das Gras zwischen den Rebgassen zur großen Lore gezogen, die auf dem Anhänger beim Bulldog, also Traktor, auf dem Weg steht. Reinschütten zu den anderen Trauben. Dann wieder das Ganze von vorne. Bis die Reihen abgeerntet sind. Dann heißt es wieder alle in den Bus, der schon viele „Herbsten“ gesehen haben muss. Das Weingut ist groß, es geht zur nächsten Gemarkung vom Heinrich, der Sylvia und dem Max. Und dort steht er, der berühmte Spätburgunder. Leider noch nicht in der Flasche, das muss noch warten, aber in Reih und Glied, füllig, zahlreich an den knorrigen Rebstöcken hängend, von der Sonne bestrahlt. Also los. Prüfen, abzwicken, ablegen.
Was das „Herbsten“ bei den Männles sonst noch besonders macht, merke ich schnell: Steillagen für mehr Sonne...
Elmar Langenbacher
Mittlerweile spüre ich Muskeln, von denen ich nicht mehr wusste, dass ich sie habe. Ein Blick auf die Uhr sagt mir zwei Dinge: Junge, wie die Zeit vergeht, und, bald gibt’s Mittag! Dazu steht wenig später ein Tisch in den Reben, oder besser gesagt in einem selbstgebauten hölzernen Aussichtspavillon für die Wanderer, der bekannte Schwarzwälder Genießerpfad „Durbacher Weitblick“ führt hier durch die Reben. Der Blick auch hier hinüber zum Schloss Staufenberg, so wie ihn schon die Urururvorfahren hatten. Ob sie auch solch ein leckeres Vesper hatten? Da liegt alles, was der Schwarzwälder Gourmet sich wünscht, vor mir. Dazu zwei Krüge mit Neuem Wein. Noch etwas süßlich, bald wird er zu Federweißer. Apropos Neuer Wein – da ist auch Vorsicht geboten, denn er ist sehr süffig, aber Alkohol hat er doch schon ziemlich, das spürt man aber erst später. Und zum anderen, ihr wisst, der kann auch den Darm gut reinigen…
Dann ist die Brotzeit auch schon vorbei, der Spätburgunder wartet. Sylvia Männle verabschiedet sich. Als Weingutchefin hat sie noch viele andere Dinge zu erledigen. Von der zunehmend ausufernden Bürokratie ganz zu schweigen. Auch wir sind alle wieder fleißig, es macht ja auch unheimlich Spaß, nebenbei lerne ich auch einige Worte polnisch, rumänisch und ukrainisch, ohne Erntehelfer geht es nicht, Personalprobleme gibt´s auch im Weinbau. Wie dem auch sei, wir sind schneller fertig, als dass die Sonne untergeht, zu Fuß geht’s zum Weingut zurück.
Ein schmuckes Fachwerkhaus, oberhalb des Weingutes, taucht auf – da wohnt er, der Heinrich Männle mit seiner Frau. Und da steht er auch schon vor seinem Haus mit sensationellem Ausblick, ein Stock am Arm, ein Lächeln im Gesicht, der Geist hellwach. Bissl nach dem Rechten schauen, „wunderfitzeln“, wie wir im Badischen sagen. „Durch die Kessellage staut sich das warme Klima in Durbach, das ist gut für die Trauben“, weiß Heinrich Männle aus mehr als neunzig Jahren Erfahrung. „Schön, dass ihr über den Weinbau berichtet, ihm wird zu oft keine Zukunft vorhergesagt an den steilen Bergen. Schauen Sie dieses wunderbare Panorama an, das Schloss“, Heinrichs Augen werden feucht, „stellen Sie sich vor, die Reben wären nicht mehr da, die Landschaft würde zuwachsen.“ „Sylvia macht das sehr gut, und mit Max wächst ein engagierter Nachfolger ran, eine nächste Generation“, muntere ich ihn auf. Jetzt sind seine Augen ganz feucht, ein Lächeln huscht über sein Gesicht.
Am Weingut angekommen, wartet Sylvia Männle schon, sie geht an ihren steinernen Weinbrunnen vor dem Haus, wo sich Wanderer am gemütlichen Tisch ein Gläschen gönnen können, nimmt eine vom Bergwasser gekühlte Flasche Chardonnay heraus und schenkt uns ein. Und gerade als sie erzählen will, parkt ein Auto vor dem Geschäft, „da kommt jemand zum Wein kaufen“, und schon ist Sylvia in der Probierstube. Nachher ist auch keine Zeit für ein weiteres Schwätzle, da macht sie eine Weindegustation in einem Hotel, da hilft Tochter Marie. Ein toller Familienzusammenhalt ist das.
Ich verspüre einen noch viel höheren Genuss als früher, nun, da ich die harte Arbeit der Winzer kennengelernt habe. Aber, was soll ich sagen: Ich bin zwar müde, aber so glücklich wie schon lange nicht mehr! Anschließend nimmt mich Max Männle, der im Moment in Weinsberg noch Weinbautechniker studiert, an die Seite. Für die Weinlese hat er frei bekommen, jede Hand wird gebraucht. Ich freue mich schon, denke, es geht in den berühmten Weinkeller mit den alten Eichenfässern zum Probieren, aber denkste: Er führt mich in die große Produktionshalle, wo die geernteten Trauben angeliefert werden – denn dort geht die Arbeit weiter, oder erst richtig los, bis der Wein schließlich nach langer Reifung im Holzfass abgefüllt wird. Dann, wenn der Kellermeister ihn für würdig empfindet, das begehrte Heinrich-Männle-Etikett zu tragen, sogar die Fassnummer kommt auf das individuelle Etikett.
Badische Weinstraße
Entlang der Badischen Weinstraße laden Winzerdörfer mit verwinkelten Gassen, einzigartige Schlösser und Burgen, Traditionsweingüter und moderne Weinmanufakturen mit besonderer architektonischer Bedeutung zum Verweilen ein. Wer auch die Nacht themenspezifisch verbringen möchte, kann das in einem der mehr als 30 stilvollen „Weinsüden“-Hotels tun – oder auf einem der zahlreichen Wohnmobilstellplätze direkt beim Winzer und dabei Köstlichkeiten aus Küche und Keller genießen. Mehr als 80 Prozent von Deutschlands drittgrößtem Weinanbaugebiet Baden wachsen in den „Schwarzwälder“ Weinbauregionen Markgräflerland, Tuniberg, Kaiserstuhl, Breisgau und Ortenau. 2014 wurde die Badische Weinstraße nach Norden durch die Regionen Kraichgau und Badische Bergstraße bis nach Hessen verlängert. Mit ausgewiesenen Teilstrecken in der badischen Weinbauregion Tauberfranken im Nordosten summiert sie sich auf mehr als 500 Kilometer und 15.500 Hektar Weinanbaufläche. Über 300 Weingüter und fast 80 Winzergenossenschaften bieten sich für einen Besuch an. Per Rad lassen sich die Regionen auf dem Badischen Weinradweg entdecken. www.badische-weinstrasse.de