Franz Fies - Brennerei Haslach

Brennerei Franz Fies – © Chris Keller / Brennerei Fies

300 Jahre Brennrecht im Schwarzwald

von Andreas Steidel

Oberkirch im Schwarzwald ist die heimliche Hauptstadt der Schnapsbrenner. Vor 300 Jahren verlieh ihr der Bischof von Straßburg das Recht dazu. Bis heute gibt es dort 700 Kleindestillerien und ein paar exquisite Mittelständler. In diesem Jahr wird das im Rahmen der „Heimattage Baden-Württemberg“ gefeiert.
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Es duftet nach vergorenen Früchten. Zwetschge, Himbeere, Kirsche, Äpfel und Birnen, ein betörender Geruch. Er kommt aus den großen Maischetanks und alten Steingutgefäßen, die an Omas Sauerkrautfass erinnern. Dazwischen dampft und zischt es, steigt verdunsteter Alkohol aus einem Kupferkessel auf und rinnt dann Tropfen für Tropfen durchs Kühlrohr.

Die Edelobstbrennerei Fies ist ein Familienbetrieb mit Tradition: 1948 gegründet, in dritter Generation geführt, mit Sitz – wie könnte es anders sein – in Oberkirch. Die Stadt am Rande des Rheingrabens ist seit Jahrhunderten ein bevorzugtes Anbaugebiet der Obstbauern. Die milde Luft der Talsohle trifft hier auf die frische Brise von den Schwarzwaldhängen, eine ideale Mischung.

Lange Zeit gehörte Oberkirch zum Einflussgebiet des Bischofs von Straßburg. Der gewährte seinen Bauern 1726 ein besonderes Privileg: Sie durften ihr überzähliges Obst zu Schnaps brennen. Eine wunderbare Einnahmequelle für die arme Landbevölkerung sowie für Bischof Armand Gaston de Rohan selbst. Der kassierte dafür nämlich einen erklecklichen Anteil an Branntweinsteuer.

„Außerdem sagen manche, er soll auch gerne einen gezwitschert haben“, erzählt Joachim Neymeyer mit einem Augenzwinkern. Der Geschäftsführer der Brennerei Fies ist dem Bischof eigentlich sehr dankbar, dass er der Stadt Oberkirch vor genau 300 Jahren das Brennrecht verlieh. Bis heute haben sich in der Schwarzwälder Kleinstadt mit ihren 21.000 Einwohnern 700 Haus- und Hofdestillerien erhalten, das ist die höchste Dichte von Kleinbrennereien in Europa.

Der Mittelständler Fies profitiert von dieser Vielfalt. Die kleineren Kollegen sind keine Konkurrenz, sondern Rohstofflieferanten, ob nun in Form von Früchten, Maische oder als Destillat. Zum Jubiläum 2026 werden sie einen gemeinsamen Edelbrand auf den Markt bringen, eine Kirschwasser-Cuvée mit den erlesensten Tropfen der Region, abgefüllt und verfeinert bei Fies im Ortsteil Ringelbach.

Der Jubiläumsbrand mit dem Titel „Heimatkirsch 1726“ ist eine der Besonderheiten, die anlässlich der „Heimattage Baden-Württemberg“ präsentiert werden. Die finden in diesem Jahr nämlich in Oberkirch statt, wo neben dem Brennrecht auch noch der 350. Todestag des Schriftstellers Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen und das 700-jährige Stadtjubiläum begangen werden können.

Künstler stellen dann in Brennereien ihre Werke aus, der Titel „Schnapsideen“ deutet darauf hin, dass sie natürlich mit den Produkten der Destillen auf die eine oder andere Art spielen werden. Auch das Stammhaus von Fies wird dann zum Atelier, wer dort vorbeischlendert, kann gleich einen Blick in die Brennerei und in den Hofladen werfen.

Dort finden sich Kirsch- und Zwetschgenbrände aller Art, Likör-Kreationen, Himbeer- und Erdbeergeister. Unlängst hat die Firma mit alten Handwerkstraditionen experimentiert und das Kirschwasser über einem Buchenholzfeuer aus Schwarzwälder Holzkohle filtriert. In einem Kastanienholzfass reift ein Zwetschgenbrand, in den Dörrpflaumen gegeben wurden, im „Küfer Birnen Rosé“ gehen die Erzeugnisse der Winzer und Brenner eine außergewöhnliche Verbindung ein.

Wir stehen zur Tradition und zur Region

Joachim Neymeyer

„Wir stehen zur Tradition und zur Region“, sagt Fies-Geschäftsführer Neymeyer und damit das nicht nur ein Wortgeklingel bleibt, hat die Brennerei vor rund fünf Jahren eine bemerkenswerte Allianz mit einer neuen Generation von Landwirten geschlossen. „Jungland“ heißt die Initiative: Darin verpflichten sich Obstbauern aus Oberkirch, alte Sorten wiederanzubauen und bekommen im Gegenzug eine Abnahme- und Preisgarantie.

Jürgen Kimmig (45) ist ein solcher „Jungländer“. Sein Vater hat am Ende noch zwei Hochleistungssorten angebaut, er selbst ist zu einer großen Vielfalt von alten Brennkirschen zurückgekehrt, die so wunderbare Namen tragen wie Meisenbühler Schlapper, Schwarze Schüttler oder Rencher Wegkirsche. „Ihr Aroma ist umwerfend, außerdem sind sie auch krankheits- und schädlingsresistenter“, sagt Jürgen Kimmig.

Es war der schlichte Mangel an regionalen Brennobstsorten, der Fies auf die Idee brachte. „Wir bekamen kaum noch Williams Christbirnen aus der Umgebung“, erinnert sich Joachim Neymeyer. Das ist jetzt anders, auch weil Jungbauern wie Dominic Ell (33) sie wieder anbauen. Als Vollerwerbslandwirt betreibt er einen Beerenhof, die Schnapssorten sind ein Zusatzgeschäft und wichtiges neues Standbein.

Das sieht auch Michael Busam (26) so. Der Obstanbau ist eine Herausforderung, die Konkurrenz aus dem Ausland groß. Da ist es gut, wenn es am eigenen Ort verlässliche Partner mit einer Preisgarantie gibt. Längst hat auch Jungbauer Busam Spaß an den alten Obstsorten. Er lobt die Bühler Zwetschge in den höchsten Tönen, „sie hat einfach die besten Aromen und sehr viel Zucker“.

Oberkirch
Oberkirch – © Chris Keller / STG

Zucker brauchen die Brenner, weil der im Zuge der Gärung in Alkohol umgewandelt wird. Ein Obstbrand bei Fies soll mindestens 40 Prozent haben, entsprechend viel Obst braucht man. In einem Liter Kirschwasser stecken rund acht Kilo Frucht, für Erdbeeren oder Himbeeren würde man aufgrund ihres geringen Zuckergehalts das Zigfache benötigen. Die werden deshalb nur selten zu Schnaps verarbeitet, sondern die Früchte mit neutralem Alkohol angesetzt. „Geist“ nennt man das Endprodukt dann auch, Himbeer- und Erdbeergeister finden sich in vielen Hofläden der Region Renchtal.

Bei den „Heimattagen 2026“ kann man über all das eine Menge lernen. Am Baden-Württemberg-Tag (16. und 17. Mai 2026) wird eine Brennermeile aufgebaut und der gesamte Prozess der Edelbranderzeugung erklärt. Das beginnt mit der Maische aus frischem Obst und Wasser, geht weiter mit der Gärung mittels Reinzuchthefen und der eigentlichen Destillation in der Brennblase. Der verdampfte Alkohol wird dann im Kühlrohr wieder verflüssigt und mit Quellwasser auf Trinkstärke gebracht. Meistens wenigstens, denn tatsächlich hat die Brennerei Fies nun einen unverdünnten Urbrand mit sage und schreibe 60 Prozent Alkohol ins Sortiment aufgenommen.

Man experimentiert eben gerne und die Kunden wissen das zu schätzen. Überhaupt die Kunden: Sehr viele Schwarzwaldurlauber gehören dazu, die gerne ein Kirsch- oder Zwetschgenwasser mit auf den Heimweg nehmen oder nach einem guten Essen im Restaurant genießen. Was sie auch genießen, ist das Landschaftsbild, das sich ihnen in aller Pracht präsentiert: Tausende von blühenden Kirschbäumen verwandeln Oberkirch und das Renchtal in ein leuchtend weißes Frühlingsmärchen.

Es gibt für Touristen vielfältige Möglichkeiten, die Kultur der Obstbrenner zu erleben. Zum Beispiel auf dem 14 Kilometer langen „Brennersteig“, der zahlreiche Betriebe miteinander verbindet – Verkostung am Wegesrand inklusive. Auf dem „Needle Gin-Pfad“ bei Oppenau kann man wiederum einiges über die Herstellung von Hochprozentigem unter Verwendung von Fichtennadeln lernen.

Und keinesfalls sollte vergessen werden, dass Obstbrände auch das Aroma manch kulinarischer Köstlichkeit bestimmen. Allen voran die Schwarzwälder Kirschtorte, die ohne einen großen Schuss Kirschwasser eigentlich überhaupt nicht vorstellbar ist. Liebe geht eben durch den Magen und ein Edelbrand als Zutat von Pralinen und Backwaren selbstverständlich auch. Viele Wochen bis Jahre reifen die fertigen Brände bei Fies und in den Kellern der Kleinbrenner. Natürlich hat auch jeder der „Jungländer“ seine Brennblase im Hinterhof. Das Brennrecht vom Bischof, man gibt es nicht so einfach auf, es ist den Oberkirchern heilig.              

 

Mehr Informationen

Die „Heimattage Baden-Württemberg“ finden 2026 in Oberkirch statt. Sie umfassen eine Veranstaltungsreihe, die im Frühjahr beginnt und bis in den Winter hinein andauert. Dazu gehören Theaterstücke, Konzerte und Kunstausstellungen, Feste und Verkostungen, ein Aktionstag auf dem „Brennersteig“ und eine Brennermeile. Thema der „Heimattage“ ist auch das Stadtrechtsjubiläum und der Todestag des Schriftstellers Grimmelshausen. Weitere Informationen unter www.heimattage2026.de

 

Die Edelobstbrennerei Fies in Oberkirch-Ringelbach betreibt einen eigenen Hofladen, Gruppen können auch Führungen buchen: www.feingeistbrennerei.de. Mehr über die Initiative „Jungland“, die zwischenzeitlich auch eine eigene Produktlinie mit besonderen Bränden hat, unter www.jungland.de.

 

Eine Übersicht der Brennereien in der gesamten Ferienregion Schwarzwald gibt es unter 

www.brenner-schwarzwald.info