Himmlische Landschaft
René Schickele
Eine großartige Entdeckung
Irre ich mich? Haben die Bleistiftzeichen auf der Außenseite des Gartentors, diesem amtlichen und geheimen Verkündigungsorgan der Tippler, sich verändert? Die Zahl der Durchreisenden nimmt zu, doch dies ist es nicht, was mich veranlaßt, an den Zeichen draußen am Tor herumzurätseln.
Sobald man ihnen entgegentrifft, fragen nämlich die Burschen seit einiger Zeit nach einem Buch. Sie wollen kein Geld, erklären sie stolz, sie wollen einen Teller Suppe und ein Buch.
Es kommt sogar vor, daß sie nach der Suppe, wenn sie ein wenig im Buch geblättert haben, plötzlich fragen, ob es vielleicht nicht auch zu arbeiten gäbe hier oben. Die Lage, die Aussicht gefällt ihnen, und im Verlauf des Gesprächs erzählen sie dies und jenes.
Die jüngeren nennen sich mit Vorliebe Kommunisten, obwohl sie bei näherer Prüfung nicht viele vom Kommunismus wissen. Aber es klingt gefährlich, und das gefällt ihnen. Wenn ich sie recht verstehe, hoffen sie unterwegs auf die Revolution zu stoßen. Andre schimpfen elegisch auf die Republik: „Früher – ja früher“, sagen sie. Die meisten aber "machen sich nichts aus der Politik“. Sie haben genug davon, erklären sie. Es schaut nichts dabei heraus, sagen sie.
Und dann gibt es noch die Alten, die suchen einfach „ein Bett und eine gute Frau“. Dafür also laufen sie die Länder ab, für ein Bett und eine gute Frau… Die heldenmütigsten Ritter sichten nichts andres, wen auch in der umgekehrten Reihenfolge.
Bevor sie weitergeh, stellen sie sich einen Schritt vor dem Hund auf und sprechen freundlich zu ihm.
Manche tragen das Buch in der Hand fort. Es ist aber auch ganz etwas Neues, mit so einem Buch in die Dörfer einzumarschieren. Der Pfarrer, der Lehrer steckt den Kopf durch die Tür oder sonst einer, der in einem geräumigen Hause wohnt und ein gebildeter Mensch ist, und da steht wahrhaftigen Gottes ein Handwerkbursche – mit einem Buch in der Hand!
„Mit dem Buch in der Hand – kommst du durch das ganze Land“, verkündet einer und kneift listig das Auge zu.
Und dann kann man ja das Buch in den Rucksack stecken und durch die Wälder laufen, denke ich mir… Holz zum Feuern gibt es genug und an jeder Ecke eine Schutzhütte, die monatelang leer steht und die ein junger, kräftiger Bursche leicht bezwingt, ohne geradezu brutal zu werden…
Komischerweise sind wir in den Wäldern noch nie einem Wanderburschen begegnet.
Sie gehen nicht einmal Feldwege.
Sie halten sich ängstlich auf der Landstraße, als wimmle es rechts und links von Giftschlangen und reißenden Tieren.
Himmlische Landschaften/Berlin 2017 Auszüge Zitat S.20 Neuausgabe herausgegeben von Karl-Maria Guth, Berlin 2017
Über den Autor
René Schickele
René Schickele (1883–1940) war ein deutsch-französischer Schriftsteller, Literaturkritiker und Übersetzer. Er wurde in Frankfurt am Main geboren und lebte in einer Zeit, die von großen politischen und kulturellen Umbrüchen geprägt war. Schickele war bekannt für seine tiefgründigen Essays, Gedichte und seine Beschäftigung mit der Literatur und Kultur beider Länder.
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